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Generation Corona

Abschlussklassen hängen in der Warteschleife

Münster/Düsseldor...

Welche Folgen es hat, wenn eine ganze Generation in der Warteschleife hängt, wird erst in Teilen sichtbar. Es geht um mehr als ums „Vergnügen“, Partys und Reisen. Es geht darum, sich als Person aufzustellen, eine eigene berufliche Perspek­tive zu entwickeln und soziale Erfahrungen zu machen, die fürs Leben ­wappnen. Wie die Pandemie die jungen Menschen trifft. [mit Video]

Doerthe Rayen

Ist der Stufenhoodie Verkleidung oder nicht? Die Abschluss-Jahrgänge sprechen derzeit über die Gestaltung der letzten Schultage. Foto: dpa

Düsseldorf. Die Enttäuschung sitzt tief. Zu gern hätte Theresa Strumann mit ihrer Stufe die letzten Schultage gefeiert. Auf ihre Mottowoche haben sich alle Schülerinnen und  Schüler, die in Kürze das Abitur nicht nur an Deutschlands ältester Schule machen, gefreut. Doch weil sie seit einem Jahr unter Corona-Bedingungen lernen, hatten die Oberstufenschüler stets im Hinterkopf: Das kann für sie genauso enden wie für die Abiturientia 2020 – kein Verkleiden, keine Partystimmung, keine Deko in der Schule.

Corona sorgt für eine ordentliche Portion Ungewissheit. Nichts kann konkret geplant werden. Christiane Berg, Lehrkraft und sogenannte Systemberaterin Extremismusprävention, spürt diese Ratlosigkeit in Schulen. Was heute geht, kann morgen schon ein Wagnis sein. „Die Abschluss-Klassen sind arg von der Pandemie getroffen“, findet sie. Stufenfahrten fielen Corona zum Opfer, die Mottowoche wird gekippt, womöglich auch Abschluss-Feste: Jugendliche könnten sich fremdbestimmt fühlen, bedauert sie.

"Was ist, wenn die Generation resigniert?"

Aus ihrer Warte als Lehrkraft, die das Demokratieverständnis  bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen fördern möchte, findet sie es wesentlich, dass Lehrer und Schüler jetzt im Gespräch bleiben. „Partizipation gehört zu unserer Demokratie“, sagt sie. Und denkt laut ­weiter: „Was ist, wenn diese Corona-Generation nur resigniert?“ Politik-Verdrossenheit sei keine Basis für die Zukunft.

Deswegen hält es die Pädagogin für grundlegend, dass Schulleitungen mit den Abschluss-Jahrgängen im Rahmen der vorgegebenen Erlasse nach Handlungsmöglichkeiten suchen. Das kann die Akzeptanz von Entscheidungen steigern und den Jugendlichen eine Plattform bieten, ihren Schulabschluss unter erschwerten Bedingungen demokratisch mitzugestalten.

Abschlussfeiern und Mottowochen sind Privatveranstaltungen

Mathias Pellmann ist 2021 doppelt traurig. „Wir haben Plan A, Plan B und Plan C in der Schublade“, seufzt er. Der Schulleiter verabschiedet am 18. Juni den ersten Jahrgang der ­Sekundarschule Lüding­hausen. „Der Tag ist für alle besonders. Auch für uns als Schule: Unser erster Jahrgang verlässt uns.“ Ein rauschendes Fest hätten sie gefeiert – wenn Corona nicht wäre. Jetzt wird es vermutlich auf mehrere Abschieds-Veranstaltungen hinauslaufen. Er hält engen Kontakt zu den Zehnern. „Ziel von Schule ist es, mündige Jugendliche zu entlassen. Daran haben wir sechs Jahre lang gearbeitet“, sagt er. Gemeinsam machten sie jetzt das Beste aus der Situation.

„Wir verstehen, dass die Gesundheit an erster Stelle steht“, sagt Theresa Strumann. Normalerweise schweiße die Mottowoche eine Stufe enger zusammen. „Dieses Jahr geht es aber ja genau darum, Abstand voneinander zu halten und auf Distanz zu kommunizieren.“ Sie und all die anderen angehenden Abiturienten hoffen, dass sich die Lage bald bessert. Dann werden ausgefallene Feierlichkeiten nachgeholt. Verabredung für die Helden der Kindheit.

Video ""Vorabiturklausuren in Zeiten von Corona"" in Kooperation mit dem WDR:

Wenn das Auslandsjahr zur Hängepartie wird

Köln. Emils Traum, 2020 nach dem Abitur mit einem Freiwilligendienst in Ghana einen „Perspektivwechsel“ zu erleben und „endlich in die weite Welt“ herauszukommen, wurde durch Corona jäh gestoppt. Nun überbrückt der 18-Jährige das Jahr, studiert, arbeitet – „eine Hängepartie, aber auch eine gute Erfahrung“. Wie Emil haben sich viele Schülerinnen und Schüler vergeblich auf ein Austausch- oder Freiwilligenjahr gefreut. Aufenthalte endeten mit der Heimkehr oder im Homeoffice in entlegenen Winkeln der Welt statt mit interessanten Erfahrungen im Alltag. Von „Work and Travel“ ganz zu schweigen – beliebte Länder machten die Grenzen dicht.

„Wir gehen davon aus, dass 2020 statt der sonst für Deutschland üblichen 15 000 jungen Leute weniger als die Hälfte weg waren“, erläutert  Michael Eckstein von der gemeinnützigen Deutschen Stiftung Völkerverständigung. Das bedeutet,  dass wohl rund ein Drittel der Plätze in diesem Jahr bereits durch jene belegt ist, die ihren Aufenthalt auf 2021 verschoben haben.

Schüleraustausch ist in einigen Ländern wieder möglich

Ein Nachholeffekt. Er macht den Jugendlichen Mut: Ein Schüleraustausch ist in einigen Ländern wieder möglich – vor allem, wenn sie beim Impfen gut dastehen und im Sommer wieder Normalzustand herrschen könnte. Anbieter empfehlen gezielt die USA und Großbritannien. Nach einer Delle erleben die USA eine regelrechte Renaissance.

„Es gibt ein gutes Angebot, und wir haben schon jetzt viel mehr Anfragen als zuvor“, erklärt  Eckstein. Auch die Carl-Duisberg-Gesellschaft in Köln ermuntert zum Schüleraustausch in Nordamerika und resümiert:  „Der Austausch nach Nordamerika ist auch in Covid-19-Zeiten möglich.“ Auch die politische „Entspannung“ spielt eine Rolle.  „Während der Trump-Ära bevorzugten viele Kanada, obwohl der Austausch dort in der Regel viel teurer ist“, so Eckstein.  Nach dem Ausfall im vergangenen Jahr bietet sich für viele Schülerinnen und Schüler oft die letzte Chance für einen Austausch vor dem Abschluss. Es gibt ihn zumeist nur in der zehnten oder elften Klasse. „Dann wird es schwierig.“ Offiziell besteht seit März 2020 ein Einreiseverbot in die USA für alle, die

Schwerer Start in die berufliche Zukunft

Auch die Entscheidung für einen Beruf oder Studiengang dürfte  unentschlossenen Schulabgängern in diesem Jahr schwerer fallen. Denn viele Orientierungshilfen fallen weg, wie Christoph Löhr von der Regionaldirektion der Agentur für Arbeit in Düsseldorf berichtet: „Ausbildungsbotschafter, die wir normalerweise in die Schulen schicken, sind nicht unterwegs, auch das Azubi-Speed-Dating kann nicht stattfinden.“

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Digitale Bildungsmessen sind nicht das Gleiche

„Dass momentan fast keine Schülerpraktika angeboten werden, ist aus Unternehmenssicht nachvollziehbar, für die Schüler ist das aber sehr ungünstig“, sagt Sophie Halley aus dem Landesvorstand der Schülervertretung (LSV) in NRW. Es gebe zwar zunehmend Bildungsmessen und Beratungen, die digital stattfänden, „aber das ist natürlich nicht das Gleiche, wie sich von Angesicht zu Angesicht mit jemandem aus der Personalabteilung zu unterhalten“.

Auch der Beginn eines Studiums falle gerade nicht leicht, berichtet Bernadette Greiwe, Leiterin der Zentralen Studienberatung (ZSB) der Universität Münster. Die Beratungsnachfrage sei das ganze zurückliegende Jahr über hoch geblieben, Hauptproblem der Studierenden: Das Ankommen. „Alles, was die ersten Wochen ausmacht, das Netzwerken und auch die gegenseitige Unterstützung, findet nur sehr eingeschränkt virtuell statt“, sagt Greiwe. Durch das gefühlte „Auf sich gestellt sein“ fallen Organisation und Motivation schwerer: „Das ist gerade für Erstsemester eine große Herausforderung.“ Greiwe und ihr Team bieten Hilfe an: Die ZSB selbst ist telefonisch und digital erreichbar, außerdem weist sie auf verschiedene digitale Austauschangebote hin – unter dem Motto: „Zusammen ist man weniger allein“

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