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Als Hunger und Not grassierten: «Hände weg vom Ruhrgebiet»

Essen (dpa)

Hyperinflation, Hunger, Not, Widerstand - der Alltag im Ruhrgebiet zur Zeit der französisch-belgischen Besatzung vor 100 Jahren war drastisch. Eine Schau im Ruhr Museum zeigt aber auch: Es wuchs ein Wir-Gefühl. Im Hintergrund gebe es Parallelen zum Ukraine-Krieg.

Von dpa

Ein belgischer (l) und ein französischer Soldatenhelm liegen in einer Vitrine. Foto: Roland Weihrauch/dpa

Hungersnot, Arbeitslosigkeit, Gewalt und Widerstand - Zehntausende französische und belgische Soldaten rückten nach dem Ersten Weltkrieg vor 100 Jahren mit Panzern, Infanterie, Kavallerie und teils mit Maschinengewehren im Ruhrgebiet ein, das damals noch gar nicht so hieß. Am 11. Januar 1923 besetzten die Alliierten Essen, von da aus dann binnen Tagen das gesamte Revier in west-östlicher Richtung.

«Das war schon sehr erschreckend und martialisch», schildert der Direktor des Ruhr Museums in Essen zum Start der Ausstellung «Hände weg vom Ruhrgebiet! Die Ruhrbesetzung 1923-1925» (12. Januar bis 27. August). Die Schau erzählt ein Stück Revier-Geschichte, von denen vielen womöglich gar nichts wissen. «Die Alliierten hatten damals jedes Recht einzumarschieren», sagt Museumsdirektor Heinrich Theodor Grütter. Denn Kriegsverlierer Deutschland war mit den im Friedensvertrag von Versailles vereinbarten Reparationen im Verzug.

Die Ausstellung rücke eine Phase ins Licht, die für die Region, aber auch die Geschichte Deutschlands wichtig sei. Essen war damals Sitz der bedeutenden Reichsbahn - zentral für den Abtransport der Kohle - und Zentrum der Industrie. Die Berliner Reichsregierung und die Kohle-Industrie vor Ort riefen zum passiven Widerstand auf, Eisenbahner und Arbeiter folgten, wie Historiker Grütter erläutert. Bahn- und Zollbeamte, Polizisten und Bürgermeister wurden zu Zehntausenden ausgewiesen, Grenzsperren errichtet.

Das Krisenjahr wird möglichst häufig aus der Sicht der Bevölkerung, aber auch der Besatzungssoldaten anhand von gut 200 Exponaten dargestellt. Einblicke geben seltenes Filmmaterial, Fotos, persönliche Dokumente, Postkarten von Soldaten in die Heimat, aber auch ein Maschinengewehr, Uniformen und ein Drahtesel - sogar Fahrradeinheiten waren 1923 zum Zuge gekommen. Rund 70 Objekte sind Leihgaben, etwa aus Frankreich oder Belgien. Plakate oder Flugblätter zeugen von dem Propaganda-Aufwand, mit dem vor allem die deutsche Seite Grütter zufolge versuchte, gegen die Besatzer aufzuwiegeln.

Gewalt und Verhaftungen waren an der Tagesordnung. Zu den prominenten Inhaftierten gehörten «Ruhrbarone» wie Gustav Krupp von Bohlen und Halbach, der zu einem halben Jahr Festungshaft verurteilt wurde, oder Fritz Thyssen, der vier Tage ins Gefängnis musste. Der Museumsdirektor stellt auch klar: «Das Fehlverhalten der Deutschen im Krieg, nach dem Krieg und während der Ruhrbesetzung ist ein ganz wichtiger Punkt, den wir hier auch zeigen.» Hätten deutsche Regierung und Ruhr-Industrie Kohle und Holz gemäß Versailler Vertrag geliefert, wäre es nicht zur Besatzung gekommen.

Für das Ruhrgebiet markierte diese Phase «im Schatten des Ersten Weltkriegs» aber auch den Beginn einer regionalen Identität, weiß der Historiker. Ein klassenübergreifendes Solidaritätsgefühl wuchs. Und der Begriff «Ruhrgebiet» sei überhaupt erst mit der Besatzung entstanden. National und international sei die Region erstmals als gemeinsamer Raum wahrgenommen worden.

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) schreibt in einem Grußwort: «Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine rückt nun auch die Ruhrbesetzung, ihre Vor- und ihre Nachgeschichte wieder stärker in das gegenwärtige Bewusstsein, machen sie doch überdeutlich, dass in Europa zwei Weltkriege gewütet haben, die nicht nur, aber doch auch um Rohstoffe und energetische Ressourcen geführt worden sind.» Frankreich und Belgien gehörten heute zu den engsten Freunden und Verbündeten Deutschlands - ein «Glücksfall», der zeige, dass historische Entwicklungen auch gedreht werden könnten.

Grütter sagt ähnlich: «Wir machen diese Ausstellung auch, um zu zeigen: Geschichte ist ein offener Prozess, den man aktiv gestalten kann.»

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