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Waldbesitzer sind auf dem Baum

Bauboom sorgt für starke Nachfrage nach frischem Schnittholz – davon gibt es in Deutschland zu wenig

Münster

In der deutschen Forst- und Holzwirtschaft passieren seit einiger Zeit seltsame Dinge. Weil die Baubranche weltweit boomt, ist die Nachfrage nach frischem Schnittholz stark gestiegen. So wie in der Folge der Preis. In den Portemonnaies der meisten Waldbauern kommt davon aber wenig bis nichts an, sagt Michael Blaschke, Sprecher des Landesbetriebs Wald und Holz NRW, auf Nachfrage.

Elmar Ries

Corona hat einen weltweiten Bauboom ausgelöst, infolge dessen die Nachfrage nach frischem Schnittholz rasant gestiegen ist. Die borkenkäfer-geplagten deutschen Waldbauern profitieren von dieser Entwicklung nur wenig – und sind dementsprechend sauer. Foto: dpa

Die deutschen Holz­erzeuger leiden nach wie vor un­ter den Folgen der Borkenkäfer-Krise, sitzen teilweise auf immer schlechter vermarktbaren Schadholzresten und können der Entwicklung auf dem Weltmarkt nur zusehen. Ihre Wut ist inzwischen so groß, dass der Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrates, Georg Schirmbeck, die Waldbesitzer in Deutschland zu einem Sägestreik aufge­rufen hat. Man könnte also sagen, die Waldbesitzer sind auf dem Baum.

Dr. Niels Redde ist Forst­experte und kann all das erklären. Im In- und Ausland ist die Nachfrage nach Schnittholz massiv gestiegen, weil wie gesagt mehr gebaut wird. „Folglich sägen die ­Sägewerke so viel wie möglich und exportieren massiv, vor allem nach China und in die USA.“ Nach Angaben des Bundesverbandes der Deutschen Säge- und Holzindus­trie waren es im vergangenen Jahr 20 Millionen Festmeter Rund- und Schnittholz. Das sind über 80 Prozent mehr als 2019 und funktionierte nur, weil große Mengen Käferholz zur Verfügung standen.

Die Krabbler hatten vor allem den deutschen Waldbauern in den vergangenen Jahren zugesetzt. „Die Schäden waren besonders in NRW massiv“, sagt Redde. „Sieben Millionen Festmeter betrug das Schadholzaufkommen 2018, zwei Jahre später waren es bereits 15,5 Millionen. Normal sind rund 3,5 Millionen Festmeter“, erklärt der Experte im Gespräch.

Die Folge: Das Holzaufkommen war riesig, die Preise purzelten in den Keller. Keine 30 € kostete 2019 ein Festmeter Fichte nur noch. Die Waldbauern machten beim Aufräumen ihrer Forste ordentliche Miese, da allein die Erntekosten bis an den Rand des Waldweges schon mit 35 bis 40 € pro Festmeter zu Buche schlagen.

Nachdem der Markt angezogen hat, erholte sich der Preis. Heute kostet ein Festmeter frische Fichte wieder bis zu 90 € und damit ungefähr so viel wie vor der Käfer-Kalamität. Aber: Die hiesigen Wälder sind nahezu leer gefegt. Und das, was noch an Schadholz verfügbar sei, tauge oft nur als Industrieholz, sagt Redde.

Während nun bauboombedingt die Kassen der Sägewerker und Holzhändler klingeln, macht sich bei den Waldbesitzern der Frust derjenigen breit, an denen die globale Entwicklung vorbeizieht.

Ihr Unmut wird nun verstärkt durch das Forstschädenausgleichsgesetz, das seit ein paar Tagen gilt und den Frischholzeinschlag auf 85 Prozent der durchschnittlichen Jahresmenge zwischen 2013 und 2017 begrenzt.

„Heißt: Waldbauern, denen der Käfer die Bestände weggefressen hat, gucken in die Röhre – und die Waldbesitzer, die noch frische Fichten haben, können nur begrenzte Mengen vermarkten“, sagt Redde. Für ihn ist das ein „doppeltes Dilemma“.

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