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Kindesmissbrauch in Sekte? «Prophet» steht vor Gericht

Kleve/Goch (dpa)

Der angebliche «Prophet» einer niederländischen Sekte soll nahezu unbegrenzte Macht in seiner Gemeinschaft gehabt haben. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft missbrauchte er fast 14 Jahre lang eine junge Frau sexuell. Jetzt kommt der Fall vor Gericht.

Von Rolf Schraa, dpa

Eine Statue der Justitia hält eine Waage in der Hand. Foto: Arne Dedert/dpa/Symbolbild

Wegen jahrelangen sexuellen Missbrauchs muss sich ein Glaubensführer und selbst ernannter «Prophet» einer niederländischen Religionsgemeinschaft von Freitag an vor dem Landgericht Kleve verantworten. Ihm wird vorgeworfen, ein anfangs minderjähriges Mädchen aus der Gemeinschaft «Orde der Transformanten» in einem ehemaligen Kloster in Goch am Niederrhein über fast 14 Jahre hinweg immer wieder missbraucht zu haben - insgesamt 132 Mal, wie es in der Anklage heißt. Dem 58-jährigen Angeklagten wird außerdem Freiheitsberaubung der jungen Frau vorgeworfen - ihm droht eine langjährige Haftstrafe.

Der Fall war im Oktober vergangenen Jahres bekanntgeworden, weil es Hinweise von außen gab, dass die damals 25-Jährige gegen ihren Willen festgehalten wurde. Die Polizei hatte in den frühen Morgenstunden eine Großrazzia in dem einstigen mittelalterlichen Nonnenkloster nahe der niederländischen Grenze gestartet und war auf 54 Menschen gestoßen, die offensichtlich der Glaubensgemeinschaft angehörten - darunter zehn Kinder. Der Niederländer wurde festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft.

Im Prozess, für den nach der Eröffnung zunächst zehn weitere Verhandlungstage geplant sind, soll an einem späteren Verhandlungstag auch die Geschädigte als Zeugin aussagen.

Orde ist niederländisch und bedeutet Orden. Der Angeklagte ist Mitbegründer der Gemeinschaft, in der laut Anklage eine strenge Hierarchie herrscht, die Familienstrukturen seien zugunsten der Gruppe aufgelöst. Die Eltern und der Bruder der jungen Frau waren laut Gericht seit etwa 2004 Mitglied der Gemeinschaft und waren dennoch gegen den mutmaßlichen Missbrauch nicht eingeschritten.

Die Gemeinschaft betrachte sich als ausgewählt und dazu ausersehen, ihrem von Gott gesandten und mit übernatürlichen Fähigkeiten ausgestatteten Propheten bedingungslos zu folgen, heißt es sinngemäß in der Anklage. Verstöße gegen von ihm vorgegebene Regeln würden intern gemeldet und in regelmäßigen Versammlungen und Gottesdiensten in der Gemeinschaft besprochen. Die Verantwortlichen müssten dann Buße tun.

Das weitläufige, idyllisch gelegene Kloster aus dem 13. Jahrhundert wird seit einigen Jahren von einer Eventmanagement-Gesellschaft betrieben, die auf dem Gelände Mittelalterfeste, Abitur- und Betriebsfeiern anbietet und ein Klostercafé betreibt. Der Geschäftsführer der Gesellschaft - laut WDR zum Zeitpunkt der Razzia selbst Mitglied der Glaubensgemeinschaft - hatte im Oktober den Polizeieinsatz deutlich kritisiert und behauptet, die 25-Jährige sei nicht befreit, sondern gegen ihren Willen abgeführt worden. Er war am Dienstag telefonisch nicht zu erreichen.

Wie die verbleibenden Mitglieder der Gemeinschaft nach der Festnahme ihres religiösen Führers jetzt zusammenleben, lasse sich von außen nicht beurteilen, sagte ein Sprecher der Stadt Goch. Die Stadt hatte nach der Razzia jedenfalls keinen Grund für einen Entzug der Konzession für den Klosterbetrieb gesehen. Die Transformanten-Gemeinschaft wehrt sich gegen den Eindruck eines übermächtigen Einflusses ihrer «Propheten»: Die Geistlichen seien gleichrangig - auch gegenüber den Gemeindemitgliedern, heißt es auf der Homepage der Gemeinschaft. Sie seien eher «geistliche Berater», und jeder könne diesem Rat «freiwillig folgen oder nicht».

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