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"Nicht von Berlin diktieren lassen"

Kitas und Spielplätze bald offen?

Düsseldorf

Die Kitas in NRW will Familienminister Joachim Stamp (FDP) schon bald wieder öffnen. Dafür sollen die Länder mehr Freiheiten erhalten, damit der Süden nicht die anderen bremst, fordert er im Interview. Darin nennt er auch Bedingungen für die Freigabe von Spielplätzen.

Hilmar Riemenschneider

Foto: Andreas Arnold/dpa

Herr Stamp, das wunderschöne Frühlingswetter hat vielen Familien den Lockdown der Kitas erleichtert. Jetzt zieht lang ersehnter Regen auf, was heißt das fürs Familienklima?

Stamp: Das macht die Lage für die Familien nicht einfacher, vor allem wenn sie in beengtem Wohnraum leben. Deshalb ist es für uns eine Herausforderung, dass wir zügig die Möglichkeit schaffen, dass Kinder schrittweise wieder am Kitaleben und am Schulalltag teilhaben können.

Die Rufe nach einer Öffnung der Kindergärten werden tatsächlich immer mehr. Die Arbeitsgruppe Kita der Länder sollte für die Familienminister-Konferenz an diesem Montag einen Fahrplan dazu vorschlagen. Wie kann das in der Praxis aussehen?

Stamp: Die AG Kita hat Empfehlungen zum Alltag in den Kitas in Zeiten von Corona gegeben. Wichtig ist es, die Hygienemaßnahmen einzuhalten - beim Händewaschen, beim Lüften, beim Reinigen und bei Verhaltensregeln, dass man sich gegenseitig nicht ins Gesicht fasst. Da sind auch die kleinen Kinder oft viel lernfähiger, als ihnen das von vielen unterstellt wird.

Bei Kindern über drei Jahren kann ich mir das vorstellen, aber U3-Kinder handeln ja sehr impulsiv.

Stamp: Ja, deswegen müssen die sonstigen Hygienemaßnahmen konsequent eingehalten werden. Das Distanzgebot lässt sich natürlich in der Kita, zumal bei den Unterdreijährigen nicht durchhalten: Kinder brauchen Wärme und Geborgenheit.

Zu enge Vorgaben aus Berlin für die Länder

Wie kann da eine schrittweise Öffnung aussehen, die Sie mit Ihren Länderkollegen verabreden wollen?

Stamp: Mit ist es sehr wichtig, dass wir uns kein Korsett schaffen, in dem die Länder alles gleichmachen müssen. Die Länder brauchen mehr Freiheit beim Umgang mit der Pandemie insgesamt, weil die Entwicklung regional unterschiedlich ist. Es ist auch kein dauerhaft akzeptabler Zustand, dass die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten in Zwei-Wochen-Rhythmen bundeseinheitlich erklären, was jetzt geht und was nicht. Das ist dauerhaft auch für den Föderalismus keine annehmbare Option. Im Bereich der Kitas heißt das: Wir haben regional unterschiedliche Entwicklungen der Pandemie, auf die müssen wir auch regional unterschiedlich reagieren können. Klar ist, es geht nur in kleinen Schritten und mit viel Improvisation. Wir werden nicht in wenigen Wochen den Regelbetrieb haben. Aber mein Anspruch ist schon, dass alle Kinder bis zum Sommer wieder an die frühkindliche Bildung angebunden sind.

Zweifeln Sie am Sinn der Ministerpräsidentenkonferenz?

Stamp: Es ist wichtig, dass man sich auf einen gemeinsamen Rahmen verständigt und Maßnahmen beispielsweise beim Handel koordiniert, damit es keinen Tourismus in einzelne Länder gibt. Aber es kann nicht sein, dass ein solches Gremium bis in alle Einzelteile in die Länder durchregiert. Wir haben auch Landesparlamente mit souveränen Abgeordneten, die in der Lage sind zu entscheiden, was sinnvoll und nicht sinnvoll ist.

NRW will Kitas in eigener Geschwindigkeit öffnen

Wie muss man sich den regionalen Ansatz vorstellen: Läuft die Trennlinie auf Länderebene oder sogar zwischen einzelnen Kreisen?

Stamp: Die Länder praktizieren das ja jetzt schon bei der Notbetreuung individuell. Wir haben uns untereinander über die Erfahrungen ausgetauscht, das halte ich für einen guten Weg. Jetzt geht es darum: Wir wollen die Vorschläge der Referenten-Arbeitsgruppe zur Hygiene, zur Organisation des Kita-Alltags weitgehend übernehmen. Und wir wollen Empfehlungen geben, welche Familien besonders zu berücksichtigen sind. Kinder von Eltern mit Berufen in der kritischen Infrastruktur sind in Nordrhein-Westfalen in der Notbetreuung berücksichtigt, ebenso gefährdete Kinder und ab diesem Montag auch die Kinder von Alleinerziehenden. Jetzt wollen wir Kinder mit besonderem Förderbedarf und natürlich die Vorschulkinder in den Blick nehmen, um zu sehen, um wie viele Kinder es bei einer weiteren, behutsamen Öffnung geht. Und dann sollten wir das in den Ländern mit den jeweils passenden Geschwindigkeiten angehen. In Ländern mit hohen Infektionszahlen könnte es langsamer oder noch nicht gehen. Und wo die Lage nicht so angespannt ist, könnte es dann schneller gehen. Ich werbe dafür, mehr Verständnis für regionale Herausforderungen aufzubringen.

Haben Sie für Nordrhein-Westfalen schon einen konkreten Zeitplan, wann die Vorschulkinder zurück in die Kitas gehen, oder fahren Sie auf Sicht?

Stamp: Wir werden keinen Terminplan vorgeben. Das hängt vom Infektionsgeschehen ab. Aber ich bin nicht bereit, mir das zentral aus Berlin diktieren zu lassen, welchen Zeitplan wir hier wählen. Entscheiden müssen das die Länder, dabei wollen wir die Träger, die Gewerkschaften und alle anderen Beteiligten eng einbinden.

Schäden für Kinder durch Lockdown verhindern

Hören Sie von Trägern ähnliche Warnungen vor Problemen bei einer zu frühen Öffnung, wie es sie bei den Schulen gab?

Stamp: Wir binden die Träger, die Spitzenverbände, die Gewerkschaften, die Kitaleitungen, die älteren Fachkräfte mit ein. Auch die Tagespflegeeltern beziehen wir ein, sie haben eine ganz wichtige Funktion.

Die Sorge, dass Lockerungen auch zu schnell gehen könnten, ist ja nicht unberechtigt. Kann auf Sicht fahren auch bedeuten, dass man nochmal den Rückwärtsgang einlegen muss?

Stamp: Das wollen wir nicht hoffen. Deshalb wollen wir uns wissenschaftlich begleiten lassen, dazu führen wir zurzeit Gespräche. Wir sehen aber, dass der Lockdown tatsächlich gewirkt hat. Deshalb sind wir heute in einer anderen Situation. Wir müssen weiterhin neue Ansteckungsherde vermeiden, die zu einer Explosion der Infektionen führen. Aber in den Kitas müssen wir auch Kindeswohlgefährdung, Bildungschancen und soziale Ungerechtigkeit sehen, weil dort Schäden durch einen dauerhaften Lockdown entstehen können.

Sie haben die Kindswohlgefährdung angesprochen: Die Zahlen spiegeln eine unveränderte Lage wider, trauen Sie denen?

Stamp: Das ist schwierig, weil das Dunkelfeld noch dunkler geworden ist. Die soziale Kontrolle, die Beobachtungen in Kitas und Schulen fallen derzeit für viele Kinder weg. Die Jugendämter sind umso stärker gefordert und machen vor Ort eine gute Arbeit.

Auch die Integration tritt auf der Stelle, weil für viele Kinder die Kita der Ort ist, wo sie die deutsche Sprache lernen. Gehören diese Kinder auch in die besondere Zielgruppe bei der Kita-Öffnung?

Stamp: Die Sprachförderung insgesamt ist uns besonders wichtig. Deshalb wollen wir verhindern, dass das Erlernen der deutschen Sprache lange unterbrochen wird. Das ist ein ganz wichtiger Punkt.

„Wir sehen Masken pädagogisch skeptisch“

Für die Erzieherinnen und Erzieher ist das gesundheitliche Risiko hoch, weil kleine Kinder das Distanzgebot kaum durchhalten können. Welche Option bieten Sie dafür an?

Stamp: Zuerst müssen natürlich die Hygieneregeln konsequent eingehalten werden. Wir wollen es den Trägern und dem Personal freistellen, ob sie eine Alltagsmaske tragen möchten. Für die Kinder lehnen wir das ab, weil auch Hygieniker und Pädagogen das Risiko sehen, dass sie die Masken untereinander tauschen.

Löst eine Maske nicht zwischen Kindern und Erzieherinnen oder Erziehern eine eher belastende Situation aus?

Stamp: Wir sehen das pädagogisch auch skeptisch, wir wollen es aber niemandem verbieten. Klar ist aber, dass die Risikogruppen bei den Erzieherinnen und Erziehern auf absehbare Zeit nicht eingesetzt werden sollten. Diejenigen, die älter als 60 Jahre sind oder Vorerkrankungen haben, fallen aus. Allein deshalb ist es nicht realistisch, dass es in den nächsten Wochen und Monaten zu einem Regelbetrieb kommen kann, weil wir gar nicht das Personal haben.

Haben Sie einen Überblick, wie viele Fachkräfte ausfallen?

Stamp: Das können wir noch nicht genau einschätzen. Wir gehen aber davon aus, dass es mehr als 20 Prozent sind.

Eigenes Tempo für Freigabe der Spiellätze

In den Schulen könnte der Regelbetrieb vermutlich bis weit ins nächste Schuljahr gestört sein. Erwarten Sie das auch in der Kindertagesbetreuung?

Stamp: Dass die Betreuung nicht voll umfänglich stattfindet, liegt in der Natur dieser Krise. Aber das Ziel muss sein, dass wir alle Kinder wieder zu frühkindlicher Bildung bekommen. Und das möglichst schnell. Ich war über die Empfehlung der Leopoldina entsetzt, wonach es bis September keine Angebote für Kinder unter fünf Jahren geben könne.

Eigentlich waren Sie unterwegs, mehr Qualität und Flexibilität in die Kitas zu bringen. Wie weit wirft die Corona-Krise die Pläne zurück?

Stamp: Natürlich ist alles, was wir geplant haben, für die nächste Zeit nicht umsetzbar. Aber wir arbeiten daran, dass wir das systematisch wieder aufgreifen. Die große Herausforderung wird jetzt sein, möglichst schnell weitere Fachkräfte und Assistenzkräfte für die Kitas zu gewinnen. Jetzt müssen wir alle gemeinsam improvisieren und das Beste aus dieser Situation machen.

Bisher wird wenig über Spielplätze geredet. Wann können die wieder freigegeben werden?

Stamp: Als Spielraum und Möglichkeit der Bewegung bin ich dafür, für Kinder Sport- und Spielplätze zu öffnen. Viele Kinder sind sehr diszipliniert im Umgang mit der Krise und können mit Distanzregeln umgehen. Bei Spielplätzen hoffe ich, dass wir jetzt das Signal von Kanzlerin und Ministerpräsidenten bekommen, dass die Länder sie in Eigenregie freigeben können. Ich würde sie dann gerne öffnen mit der Maßgabe, dass eine Aufsicht stattfindet und möglicherweise Unterschriftenlisten geführt werden, um für den Fall einer Infektion Kontaktpersonen zurückverfolgen zu können. Wir können aber nicht einfach von heute auf morgen wieder alles öffnen. Dann riskieren wir, was wir uns mühselig erarbeitet haben.

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