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Folgen des Astrazeneca-Stopps

NRW zapft Impfreserve an

Düsseldorf

Der Astrazeneca-Stopp ist ein Schlag ins Kontor. Das wird auch von der NRW-Regierung nicht geleugnet. Eine Reserve anderer Impfstoffe soll nun beim Überbrücken helfen. Erziehern und Lehrern hilft das aber erstmal nicht.

Elmar Ries

Der Schalter ist verwaist: Im Impfzentrum im Flughafen Münster/Osnabrück wird seit Montag kein Astrazeneca mehr verimpft. Foto: Gunnar A. Pier

Damit NRW nach dem Astrazeneca-Impfstopp zeitlich nicht zu sehr ins Hintertreffen gerät, wird zusätzlicher Impfstoff aus einer Rücklage genommen, die das Land mit Vakzinen von Biontech/Pfizer und Moderna gebildet hat. Das haben Ministerpräsident Armin Laschet und Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (beide CDU) am Dienstag mitgeteilt. „Wir müssen das Tempo beim Impfen beschleunigen“, sagte Laschet.

Bisher waren 50 Prozent der Biontech- und Moderna- Präparate zurückgelegt worden, um etwaige Lieferschwankungen im Vorfeld der notwendigen Zweitimpfung ausgleichen zu können. „Wir gehen jetzt an diese Reserve“, sagte Laumann.

Ihr werden 150.000 Dosen entnommen, die behinderten Menschen in Eingliederungseinrichtungen sowie Frauen und Männern über 80 Jahren zugute kommen. Lehrer und Erzieher „rutschen damit leider nach hinten“, erklärte der Minister.

Rückschlag für Impfzentren

Nach Hinweisen auf mögliche Nebenwirkungen war Deutschland dem Beispiel anderer Länder gefolgt und hatte am Montag die Corona-Impfungen mit dem ­Astrazeneca-Impfstoff ausgesetzt. Zuvor hatte das Paul-Ehrlich-Institut eine entsprechende Empfehlung ausgesprochen, nachdem Thrombosen in der Hirnvene im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung gemeldet worden waren. Die sieben bisher bekanntgewordenen Fälle betrafen Menschen zwischen ungefähr 20 und 50 Jahren. Sechs davon waren Frauen.

Immer wieder neuen Herausforderungen in der Pandemie müssen sich NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (r ,CDU) und NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) stellen. Foto: picture alliance/dpa | Marcel Kusch

Der Impf-Stopp wirft auch die Impfzentren im Münsterland zurück. Im Kreis Steinfurt liegen für die kommenden zehn Tage mindestens 3500 Termine auf Eis, im Kreis Coesfeld sind es in der nächsten Woche 2800, im Kreis Warendorf bis diesen Samstag 3700. Münster meldete einen täglichen Ausfall von rund 600 Terminen, im Kreis Borken sind es alleine heute knapp 760.

Kassenärzte hoffen auf Start Ende März

Die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe hofft, dass der Astrazeneca-Impfstopp nur vorüber­gehend ist und die Hausärzte wie geplant am 29. März mit der ersten Phase des Impfens in den Praxen beginnen können. Das hat ein Sprecher bestätigt.

Sollte das Paul-Ehrlich-Institut das umstrittene Vakzin innerhalb der kommenden zwei Wochen wieder freigeben, sei der „Impfstart Ende März zu halten“. Seit Montag können sich hausärztliche und gynäkologische Praxen dafür registrieren lassen. Die Hausärzte sollen bis Mitte April wöchentlich 150 000 Astrazeneca-Impfdosen bekommen.

Zusätzliche Lieferungen von Biontech/Pfizer

Trotz aller Verdachtsmomente bewertet die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) den Nutzen des ­Astrazeneca-Präparates derzeit höher als die Gefahren. Solange die Untersuchungen der Behörde andauerten, sei man überzeugt, dass die Vorteile des Impfstoffs bei der Verhinderung von Covid-19 das Risiko überwögen, bekräftigte EMA-Chefin Emer Cooke. Am Donnerstag will die EMA eine Einschätzung zu den Risiken und zur weiteren Verwendung abgeben.

Positive Nachricht: Die EU kann vom Hersteller Biontech/Pfizer im zweiten Quartal kurzfristig weitere zehn Millionen Dosen ihres Corona-Impfstoff bekommen. Damit sind allein von diesem Hersteller von April bis Juni insgesamt 200 Millionen Impfdosen zu erwarten.

Kommentar

Das ist ein Schlag ins Kontor. Faktisch und emotional. Für die Bürgerinnen und Bürger, für die politischen Krisenmanager. Die Enttäuschung und Niedergeschlagenheit ist zum Greifen. Der verhängte Astrazeneca-Impfstopp verlängert nur noch die lange Serie aus Pleiten, Pech und Pannen und rückt die Einlösung des Heilsversprechens der Bundesregierung, bis zum Herbstbeginn allen ein Impfangebot zu machen, in noch weitere Ferne als ohnehin schon. Und die dritte Infektionswelle rollt.

Was hilft’s, dass Schmerzmittel und Verhütungspillen auch hohe Nebenwirkungsrisiken bergen? Unsere Geduld in dieser Pandemie wird auf eine weitere Probe ­gestellt. Und die Politik – ohnehin inzwischen und berechtigt auch der partiellen Untüchtigkeit gescholten – geht nun auch des letzten Quäntchens Fortune verlustig.

Ausgepowert, verschlissen, überfordert? Die Politik und die dort handelnden Menschen stoßen an Grenzen, in der noch immer unter uns tobenden Pandemie weitestgehenden Gesundheitsschutz und Risikovermeidung zu garantieren. Sie müssen jetzt verantwortlich neues Vertrauen organisieren – sowohl in ihr eigenes Handeln als auch in die Mittel der Pharmaindustrie.

von Norbert Tiemann

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