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Schließungen möglich: Kehrtwende bei Krankenhausplanung

Düsseldorf (dpa/lnw)

Nicht jedes Krankenhaus muss alles machen - das ist die Devise für eine Kehrtwende in Nordrhein-Westfalen. Die Krankenhausplanung wird komplett umgekrempelt. Nicht jede Abteilung und jedes Krankenhaus dürfte das überleben.

Von Dorothea Hülsmeier, dpa

OP-Personal und ein OP-Reinigungsteam arbeiten nach einer Operation in einem Operationssaal. Foto: Christian Charisius/dpa/Symbolbild

Die Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen sollen sich künftig auf bestimmte Leistungen von der Schlaganfall-Versorgung über die Knie-Prothese bis zur Bauchspeicheldrüsen-OP spezialisieren. Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) und Vertreter von Krankenhäusern, Ärztekammern und Krankenkassen stellten am Freitag Grundzüge für eine tiefgreifende Krankenhausreform im bevölkerungsreichsten Bundesland vor.

Künftig ist nicht mehr die Bettenzahl das zentrale Planungsinstrument. Vielmehr wird zur Ermittlung des stationären Bedarfs die jährliche Fallzahl je medizinischer Leistung, etwa bei Hüft- und Knie-Prothesen, Organtransplantationen oder Geburtshilfe herangezogen. NRW wird das erste Bundesland mit einem solchen Modell.

In einigen Regionen in NRW gebe es eine Überversorgung und einen starken Konkurrenzkampf von Krankenhäusern um Patienten, sagte Laumann. Ländliche Regionen seien dagegen teils unterversorgt. Oft gebe es auch viele gleiche Angebote in räumlicher Nähe. «Das kann man auch Fehlversorgung nennen.»

Die Krankenhausgesellschaft NRW schließt nicht aus, dass der neue Plan «im konkreten Einzelfall» zu Schließungen einzelner Abteilungen oder ganzer Krankenhäuser führen könnte, so der Vorsitzende Jochen Brink. Er schätzte den Finanzbedarf für den Zeitraum der Umstrukturierung auf 200 Millionen Euro jährlich.

Die flächendeckende Versorgung müsse weiterhin gesichert sein, sagte Laumann. Grundsatz bleibe, dass in NRW für über 90 Prozent der Bevölkerung ein Krankenhaus innerhalb von 20 Autominuten erreichbar sein soll. Der Plan schreibt auch vor, dass Intensivmedizin flächendeckend vorgehalten werden muss. Auch die Erfahrungen der Corona-Pandemie fließen ein. Künftig werden Abteilungen für Lungenheilkunde, die in der Pandemie eine wichtige Rolle spielten, wieder in den Planungen verankert.

Konkret weist der Plan Leistungsbereiche und Leistungsgruppen aus, die die medizinischen Fachgebiete wie etwa Allgemeine Innere Medizin, Kardiologie, Onkologie oder Orthopädie abbilden, sowie auch konkrete Unterdisziplinen wie zum Beispiel Stammzellentransplantation oder Hüft- und Wirbelsäulen-OPs. Für jede Disziplin werden einheitliche und überprüfbare Qualitätsvorgaben gemacht - etwa zum Personal und zur Ausstattung.

Zwei Fallbeispiele für die Reform:

SCHLAGANFALL: Heutzutage werden Schlaganfälle in den sogenannten Stroke Units (Schlaganfalleinheiten) behandelt, die die Überlebenswahrscheinlichkeit deutlich erhöhen. 2017 wurden rund 64 000 Schlaganfälle in 335 Standorten behandelt, davon etwa 18 Prozent (rund 11 000 Fälle) in Krankenhäusern ohne Stroke Unit. Der neue Krankenhausplan enthält eine Bedarfsprognose und legt fest, welche Kapazitäten erforderlich und wie viele Versorgungsaufträge voraussichtlich zu verteilen sind. Im anschließenden regionalen Planungsverfahren wird überprüft, welche Krankenhäuser die Qualitätsvorgaben erfüllen und eventuell eine Auswahl getroffen. Patienten sollen sich damit sicher sein können, dass die jeweilige Klinik ausreichend Routine und genügend Expertise hat.

BAUCHSPEICHELDRÜSEN-OP: Diese OPs gehören zu den kompliziertesten Eingriffen. 2017 gab es rund 2700 Operationen an 165 Standorten. Diese hohe Zahl an Versorgern führte dazu, dass in 66 Krankenhäusern weniger als zehn Operationen im Jahr erbracht wurden. Der Gemeinsame Bundesausschusses schreibt mindestens zehn OPs vor.

Laumann sagte, dass die Reform in der ersten Jahreshälfte 2023 in den meisten der landesweit 16 Versorgungsregionen abgeschlossen sein solle. Der Plan war auf Grundlage eines Gutachtens fast zwei Jahre lang in rund 50 Arbeitsgruppensitzungen des Landesausschusses für Krankenhausplanung ausgearbeitet worden und soll im Herbst dem Landtag zur Kenntnisnahme vorgelegt werden. Schon 2024 soll die Bedarfsprognose für die einzelnen medizinischen Bereiche wieder überprüft werden.

In NRW gab es mit Stand Ende 2019 rund 340 Krankenhäuser mit knapp 118.000 Betten. Vor zehn Jahren waren es noch mehr als 400. Jedes Jahr werden in der Regel rund 4,65 Millionen Patientinnen und Patienten stationär behandelt. Durch die Corona-Pandemie sind die Patientenzahlen deutlich gesunken.

Viele Krankenhäuser leiden unter Fachkräftemangel und schreiben rote Zahlen. Nach Ansicht des Gesundheitsministeriums droht ein «unkoordinierter und unproduktiver Wettbewerb». Bisher sei die Planung nicht ausreichend an der Qualität orientiert. Wenn die Kliniken ihre Leistungen aufteilten, könnte das auch ein Beitrag für ihre wirtschaftliche Sanierung sein, sagte der Präsident der Krankenhausgesellschaft, Jochen Brink.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi kritisierte die Krankenhausplanung. Weder Krankenhausbeschäftigte noch Gewerkschaften seien bei den Beratungen eingebunden worden. Das Projekt werde in höchster Eile vorangetrieben und hinterlasse den Eindruck, dass es eher um Wahlkampf gehe. Die Planung werde dazu führen, dass weitere Krankenhäuser geschlossen würden.

Die SPD-Oppositionen im Landtag lehnt «jede Form von Krankenhausschließung» ab und warnte vor einem «Kahlschlag in der Fläche». Die Pandemie habe gezeigt, wie wichtig ein flächendeckend funktionierendes Krankenhaussystem sei. Es dürfe nicht allein um die Frage von ökonomischer Effizienz gehen. Die Grundversorgung in der Fläche dürfe bei der Spezialisierung nicht leiden. Laumann habe bei seinen Plänen zudem den demografischen Wandel mit der Alterung der Gesellschaft völlig außen vor gelassen.

Nach Ansicht der Grünen hat die Landesregierung die Krankenhausreform auf die lange Bank geschoben und müsse jetzt zum Ende der Legislaturperiode liefern. Laumann habe etwa den Schließungen im Ruhrgebiet eher hilflos zugesehen.

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