Jahreswechsel

Telefonseelsorge im Pandemie-Jahr stark gefragt

Im Jahr der Corona-Krise haben sich deutlich mehr Menschen in NRW in ihrer Not an die Telefonseelsorge gewandt als sonst. Oft ging es dabei um Angst vor Erkrankung und Einsamkeit.

dpa

Eine Mitarbeiterin der Telefonseelsorge nimmt ein Telefonat an. Foto: Patrick Pleul

Bochum (dpa/lnw) - Sorgen und Ängste vieler Menschen in der Pandemie haben sich auch bei der Telefonseelsorge in Nordrhein-Westfalen deutlich niedergeschlagen. Bis zu 25 Prozent mehr Gespräche habe man 2020 in NRW mit Menschen in Krisen und Notlagen geführt, sagte Ludger Storch, Leiter der Telefonseelsorge Bochum, der Deutschen Presse-Agentur. Während die 25 Telefonseelsorge-Stellen im Land 2019 im Schnitt täglich auf 720 Gespräche am Telefon kamen, waren es zuletzt in der Zeit des zweiten Lockdown mehr als 920 Gespräche am Tag.

Vor allem Anrufe einsamer und psychisch kranker Menschen haben in der Pandemie zugenommen, schilderte Storch. «Die Menschen machen sich Sorgen und haben Angst vor Infektion oder schlimmer Erkrankung. Sie haben Angst um nahestehende Menschen.» Die Kontaktbeschränkungen, der Verzicht auf gewohnte Begegnungen oder Gruppenangebote falle ihnen besonders schwer.

Im Chat und Mail-Austausch entstanden vor allem in der Zeit des ersten Lockdowns im Frühjahr bei den Stellen dreimal mehr Kontakte als im Vorjahresvergleich. «Diese Medien werden besonders von Menschen unter 30 Jahren genutzt.» Was treibt sie um? «Themen waren die hohe Belastung in einer Ausnahmesituation, Ängste, Einsamkeit, auch Suizidgedanken.»

Das kostenfreie Angebot von katholischer und evangelischer Kirche kann in einigen Städten auch anonym vor Ort genutzt werden - so in Bonn, Bochum, Dortmund oder Duisburg. Wegen der Infektionsgefahr musste 2020 aber vorübergehend aufs Telefon umgestellt werden. Dabei sei die persönliche Begegnung gerade in Zeiten stark eingeschränkter Sozialkontakte für Menschen in einer schwierigen Lebenssituation oft sehr wichtig, betonte Storch.

Fast 1900 Ehrenamtliche und 53 Hauptberufliche sind in NRW in der Telefonseelsorge tätig - und sie stehen angesichts der Pandemie vor einer besonders anspruchsvollen Aufgabe. «Das Spezielle bei dieser Thematik ist, dass alle in unserer Gesellschaft eine solche verunsichernde Situation weltweiten Ausmaßes erstmals erleben», betonte der Bochumer Leiter.

Mit Blick auf die bundesweite Lage hieß es, Mitarbeiter würden «mit allem konfrontiert, was Menschen in Krisen stürzen kann». Das reiche von einem Krach unter Nachbarn über den verlorenen Arbeitsplatz bis zum Tod eines geliebten Menschen. Es gehe um Überforderung, Wut, Frustration, Trauer, depressive Gefühle bis hin zu Suizidgedanken. Besonders schwer sei die Situation nun schon seit Monaten für die ohnehin schon seelisch angeschlagenen Menschen, für die sich die Corona-Krise als Problemverstärker auswirke.

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