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Vor dem Schulstart in NRW: Trotz Pandemie gut gerüstet?

Düsseldorf (dpa/lnw)

Für einen sicheren Start ins neue Schuljahr 2021/22 in NRW sieht das Schulministerium alles gut vorbereitet. Aus Elternschaft, von Lehrern und Opposition kommt dagegen Kritik. Die Sommerferien seien - wie schon 2020 - nicht gut genutzt worden. Kinderärzte sind in Sorge.

Von Yuriko Wahl-Immel, dpa

Die nordrhein-westfälische Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP). Foto: David Young/dpa

Vorfreude, Skepsis, Ängste: Wenn in einer Woche die Schule in Nordrhein-Westfalen wieder beginnt, lassen sich die Erschwernisse der Pandemie auch diesmal nicht ausblenden. Vor Start des neuen Schuljahrs 2021/22 am 18. August rücken Kinder- und Jugendärzte teils dramatische körperliche und psychische Folgen nach anderthalb Jahren Corona-Krise in den Fokus und mahnen, weitere Schulschließungen wären «nicht verkraftbar». Aus Eltern- und Lehrerschaft kommt Kritik, die Sommerferien seien erneut nicht ausreichend für einen verbesserten Infektionsschutz genutzt worden. Schulministerin Yvonne Gebauer sieht die Schulen dagegen gut gerüstet.

Man habe die Ferien zur «umfassenden Vorbereitung für einen sicheren Schulstart nach den Ferien» genutzt, sagte die FDP-Politikerin vor wenigen Tagen. Es werde landesweit mit Präsenzunterricht gestartet, weiterhin gelte Maskenpflicht im Gebäude und Klassenraum. Bei den verpflichtenden zwei Tests pro Woche - nachweislich Geimpfte und Genesene werden davon befreit - seien alle organisatorischen und logistischen Vorkehrungen «für einen reibungslosen Ablauf ab Tag eins» getroffen. Für Luftfilter stellt das Land den Schulträgern erneut Millionenbeträge bereit. Eine Corona-Schutzimpfung wird für Schüler in NRW keine Voraussetzung sein, um am Präsenzunterricht teilzunehmen.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte wies auf einen massiven Anstieg von psychischen Belastungen bis hin zu psychiatrischen Erkrankungen bei vielen Heranwachsenden hin. «Wir sehen in unseren Praxen dieselben Krankheitsbilder wie schon immer - nur in einem nie zuvor gekannten Ausmaß. Angst-, Schlaf-, Essstörungen, Konzentrationsproblematik, Aggressivität, Schulabsentismus, selbstverletzendes Verhalten, depressive Verstimmungen, manifeste Depressionen bis hin zu Suizidversuchen», schilderte NRW-Verbandschef Axel Gerschlauer. Therapieplatz-Mangel verschlimmere die Lage.

Fehlendes Freizeit- und Sportangebot in der Pandemie habe vermehrt zu Verzögerungen bei der grobmotorischen Entwicklung geführt, zu längerer Bildschirmzeit vieler Kinder und zu teils drastischem Übergewicht, berichtete Gerschlauer. «Vermutet werden muss ein Anstieg der körperlichen und seelischen Misshandlungen während des Lockdowns.» Er betonte: «Auch vor dem Hintergrund dieser dramatischen Zunahme an Belastungen und Erkrankungen der Kinder und Jugendlichen muss Präsenzunterricht gewährleistet sein. Eine vierte Welle mit Schulschließungen wäre nicht verkraftbar.» Das «Vertrauen in und die Hoffnung auf ein geregeltes Schuljahr» sei bei Eltern und Schülern allerdings gering. Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft mahnte mehr Anstrengungen für digitale Bildung an. Nur ein Drittel der Schulen sei ausreichend ausgestattet, monierte GEW-Landesvize Sebastian Krebs. Es brauche zudem umfassende Fortbildungen für Lehrkräfte und landesweit gültige Beurteilungskriterien für den Wechselunterricht. Und: «Das Land hat seine Hausaufgaben nicht gemacht, Bildung in Präsenz pandemiesicher zu gestalten. Jetzt stehen wir wieder vor einem unruhigen Herbst und Winter.» Schülern solle man zur Seite stehen, indem man Prüfungen und Lehrpläne entschlacke und gezielte Förderung in Kleingruppen anbiete.

Nach Einschätzung des Philologenverbands sind zusätzliche Lehrkräfte und weiteres Unterstützungspersonal wichtig. Lehrpersonal müsse von unterrichtfremden Aufgaben entlastet werden, mahnte die Landesvorsitzende Sabine Mistler. «Sie sind Experten für pädagogisches Handeln und Unterricht.» Und das müsse wieder in den Fokus rücken. Nach Ansicht der Grünen-Landtagsfraktion war die Förderung bei Luftfiltern bisher «halbherzig», Testungen in den Schulen müssten noch engmaschiger erfolgen. «Sichere Schulen sehen anders aus.» Zudem gebe es noch keine Förderrichtlinie für die zusätzlichen Bundesmittel aus dem Corona-Aufholprogramm, mit denen Lerndefizite ausgeglichen werden sollten. Die SPD-Fraktion bemängelte, das Verfahren in Sachen Quarantäne bleibe ungewiss. Familienminister Joachim Stamp (FDP) hatte verlangt, dass nicht mehr ganze Schulklassen oder Kita-Gruppen in Quarantäne geschickt werden, sondern nur noch die Kinder, die tatsächlich infiziert seien. Gebauer hatte sich zum Thema Quarantäne bisher nicht klar positioniert.

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