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Kriminalität

«Wie Müll entsorgt»: Lebenslänglich für Mord vor 25 Jahren

Die Spur mit der Nummer 41 war heiß: Endlich war das unbekannte Mordopfer nach mehr als 20 Jahren identifiziert. Nun - fast ein Vierteljahrhundert nach dem Verbrechen - gibt es ein Urteil in dem Fall.

dpa

Eine Statue der Justitia hält eine Waage in ihrer Hand. Foto: David-Wolfgang Ebener

Aachen (dpa) - Sie kamen im Minutentakt: Mehr als 45 Zeugen hat das Schwurgericht des Landgerichts Aachen in den vergangenen drei Wochen gehört, um einen Mord vor fast einem Vierteljahrhundert aufzuklären. Am Dienstag verurteilte das Gericht einen 51 Jahre alten Deutschen wegen Mordes aus Habgier zu einer lebenslangen Haftstrafe. Er hatte an allen sieben Prozesstagen geschwiegen. Mord verjährt nicht.

Der Vorsitzende Richter Roland Klösgen erklärte in seiner Urteilsbegründung, dass der Angeklagte zusammen mit einem längst gestorbenen Mittäter Ende 1996 einen Wohnmobil-Händler bei Aachen getötet habe, um dessen Werkstatt weiter nutzen zu können. Der Tote sei «wie Müll in einer stillgelegten Kiesgrube entsorgt worden», schildert der Richter.

Blutspuren, Fingerabdrücke, nachweisbare Spuren der Tat: All das gab es nicht im Mordfall «Sandkuhle». Der Fundort der Leiche am Niederrhein nördlich von Krefeld war lange die einzige sichere Erkenntnis. Die Identität des Toten war über 20 Jahre unbekannt - bis die Ermittler nach einem Hinweis im Jahr 2019 in der ZDF-Sendung «Aktenzeichen XY... ungelöst» die Spur 41 anlegten: Ein Anrufer meldete sich mit erregter Stimme und sagte, er wisse wer der Tote sei und auch wer ihn ermordet habe.

Auf die Aussagen dieses Mannes stützt sich das Gericht ganz wesentlich. Der Dachdecker berichtete, sein Bruder - der verstorbene Mittäter - und der Angeklagte hätten ihm damals detailliert von der Tat erzählt. «Es ist Täterwissen, das kein anderer haben konnte», sagte Richter Klösgen in seiner einstündigen Urteilsbegründung. So sei etwa nie berichtet worden, dass das Mordwerkzeug ein Hammer war und das Opfer im Sterben noch stranguliert wurde. Die Aussage des Zeugen über die Berichte der Täter sei von «originellen Details» geprägt, die man nicht erfinde: Etwa dass die unbekleidete Leiche des Opfers am Fundort seltsam verdreht lag.

Gegenüber dem Gericht hatte der Zeuge sein langes Schweigen damit erklärt, dass er damals selbst Konflikte mit dem Gesetz hatte und die Polizei scheute. Auch habe er den Erzählungen kaum geglaubt, aber immer wieder seinen Bruder und den Angeklagten darauf angesprochen.

Regungslos, das Gesicht hinter einer weißen Maske verborgen, saß der Angeklagte im Prozess. Der Deutsche, der immer auch Autos repariert hat, ist nicht vorbestraft. Er ist seit mehr als sieben Monaten in Untersuchungshaft. Als hilfsbereit und bemüht, sein Leben zu ordnen, beschrieb ihn der Vermieter. Der Angeklagte kam in Jeans und mit zum Zopf gebundenen Haaren in den Saal.

Nebenklägerin in dem Prozess war die Tochter des Mordopfers. «Meine Mandantin ist froh, dass die Kripo all die Jahre nicht locker gelassen hat», sagte ihre Anwältin. Die Tochter war erst sieben Jahre alt, als ihr von der Familie getrennt lebender Vater von heute auf morgen verschwand und nicht mehr zu seinen Kindern kam. Die heute 31 Jahre alte Tochter habe nie glauben können, dass ihr Vater sie im Stich gelassen habe, sagte ihre Vertreterin.

Die von vielen Schlägen entstellte, unbekleidete Leiche des damals 43-jährigen Opfers war am 8. Dezember 1996 mehr als hundert Kilometer von Aachen entfernt entdeckt worden. Die Verbindung nach Aachen wurde nicht entdeckt. Die Familie des Opfers glaubte, der 43-Jährige habe sich wegen seiner vielen Schulden aus dem Staub gemacht. Seine Ex-Frau wurde von der Polizei abgewimmelt, als sie ihn vermisst melden wollte. Das genaue Todesdatum ist nicht bekannt. Nur, dass der 43-Jährige am 23. November 1996 noch ferngesehen hatte: den letzten Kampf von Box-Star Henry Maske.

© dpa-infocom, dpa:210510-99-540383/6

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