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Zahl der Todesopfer gestiegen: Massive Flutschäden

Koblenz/Mainz (dpa/lrs)

Das Wasser fließt ab, die Schäden der Unwetterkatastrophe werden immer deutlicher - auch an Verkehrswegen. Die Reparatur wird lange dauern. Unterdessen soll ein Impfbus eine Ausbreitung des Coronavirus in der Region verhindern. Die Zahl der Opfer steigt weiter.

Von dpa

Die Zahl der Todesopfer der Unwetterkatastrophe im Kreis Ahrweiler ist auf 122 gestiegen. Das sagte ein Polizeisprecher am Dienstag in Koblenz. Bislang war die Rede von 117 Toten gewesen. Die Zahl der Verletzten stieg auf 763. Aktuell würden noch 155 Menschen vermisst, sagte der Sprecher.

Von den Folgen des Hochwassers im Kreis Ahrweiler sind der Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion (ADD) zufolge rund 40.000 Menschen betroffen. Es sei eine «ungeheure große Zahl von Menschen» auf einer «ungeheuren Fläche», sagte der Leiter des Krisenstabes des Landes und ADD-Präsident Thomas Linnertz. «So etwas haben wir noch nie erlebt. Das ist eine große Herausforderung.» Die Lage sei sehr angespannt.

Im Ahrtal seien rund 2500 Kräfte im Hilfseinsatz, darunter 800 Soldaten der Bundeswehr, 200 Helfer des Technischen Hilfswerks und rund 800 Feuerwehrleute. Für die psychosoziale Notbetreuung seien etwa 300 Menschen im Einsatz, sagte Linnertz.

Mit dem abfließenden Wasser werden auch die massiven Flutschäden an der Infrastruktur in Rheinland-Pfalz immer deutlicher: Brücken sind beschädigt, Straßen zerstört, Gleise unterspült. Fachleute suchten auch am Dienstag nach Lösungen, um den Verkehr am Laufen zu halten.

«Das Ausmaß ist noch nicht abschätzbar», sagte die Sprecherin des Landesbetriebs Mobilität Rheinland-Pfalz (LBM) in Koblenz. Seit Montag seien Experten mit der Schadensaufnahme beschäftigt. «Wir sind dran, haben aber noch keine Auflistung, was alles kaputt ist.»

Einen ersten Überblick über zerstörte Straßen und Brücken könne es möglicherweise Ende dieser Woche geben, sagte die LBM-Sprecherin. Prüfer seien vor Ort, um zu schauen, welche Brücken saniert werden könnten oder abgerissen werden müssten. Es gebe auch noch Orte, die komplett abgeschnitten seien, dazu zähle Mayschoß im Kreis Ahrweiler.

Auch die Schäden bei der Bahn werden immer klarer. Allein sieben Regionalverkehrsstrecken seien so stark zerstört worden, dass sie neu gebaut oder umfangreich saniert werden müssten, teilte die Deutsche Bahn mit. Reparatur und Wiederaufbau würden Wochen und Monate dauern. Insgesamt seien Gleise auf einer Länge von rund 600 Kilometern betroffen. Rund 2000 Mitarbeiter seien dabei, Gleise, Bahnhöfe und Anlagen von Geröll und Schlamm frei zu räumen. Rund 80 Bahnhöfe wurden der Mitteilung zufolge durch das Unwetter beschädigt.

Der Zweckverband Schienenpersonennahverkehr sprach von einem «unvorstellbaren Bild der Zerstörung an der Schieneninfrastruktur». Die Schäden hätten erhebliche Auswirkungen. Während beispielsweise im Ahrtal mit Gelenkbussen ein Teil-Schienenersatzverkehr eingerichtet worden sei, sei dies an anderer Stelle bisher nicht möglich.

Nach dem Ausfall von mehr als 500 Mobilfunkstationen im Katastrophengebiet in Rheinland-Pfalz nahmen die Netzbetreiber mehr als 70 Prozent der Anlagen wieder in Betrieb. Nach wie vor gebe es an vielen Orten keinen oder nur eingeschränkten Empfang, teilte das Digitalisierungsministerium in Mainz mit. Nötig sei eine gemeinsame Kraftanstrengung der Mobilfunkunternehmen, um die Situation vor Ort zu verbessern, sagte Minister Alexander Schweitzer (SPD).

Der Katastrophenstab des Landes Rheinland-Pfalz baute im Kreis Ahrweiler zwölf Satellitenschüsseln für die Bevölkerung auf. In der besonders stark von der Hochwasserkatastrophe betroffenen Region gibt es massive Ausfälle im Mobilfunknetz.

Nach der Flutkatastrophe sehen die betroffenen Bundesländer erhöhte Corona-Risiken, weil sich Menschen etwa in Notunterkünften anstecken könnten. «Derzeit kommen viele Menschen auf engstem Raum zusammen, um die Krise gemeinsam zu bewältigen. Wir müssen jetzt aufpassen, dass die Bewältigung der Katastrophe nicht zu einem Superspreader-Event wird», sagte David Freichel vom Corona-Kommunikationsstab der Staatskanzlei in Rheinland-Pfalz dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND). Aus Sorge vor einer Ausbreitung des Coronavirus im rheinland-pfälzischen Katastrophengebiet starteten Landesregierung und Kreisverwaltung im Ahrtal eine Impfaktion mit einem Bus.

Staatssekretär Denis Alt (SPD) sagte, in der Katastrophenhilfe werde «notwendigerweise Hand in Hand» gearbeitet, «oftmals ohne Corona-Schutzmaßnahmen umfänglich einhalten zu können». «Mit Impfungen und Schnelltests wollen wir den Betroffenen und den zahlreichen Helferinnen und Helfern ein unbürokratisches Schutzangebot machen, um so die Pandemie im Katastrophengebiet im Griff zu behalten.»

Im Kreis Ahrweiler lag die Sieben-Tage-Inzidenz - also die innerhalb einer Woche registrierte Zahl der Neuansteckungen pro 100.000 Menschen - am Montag beim eher geringen Wert von 3,8.

Die Polizei warnte unterdessen vor falschen Durchsagen im Katastrophengebiet. Es lägen Informationen vor, wonach Fahrzeuge mit Lautsprechern unterwegs seien, die polizeilichen Einsatzfahrzeugen ähnelten, teilte die Polizei in Koblenz mit. Mit diesen werde «wahrheitswidrig» verbreitet, dass die Zahl der Einsatzkräfte verringert werde. «Das ist eine Falschmeldung», betonte die Polizei.

Nach ihren Angaben geben sich in den Katastrophengebieten zudem Rechtsextremisten als «Kümmerer vor Ort» aus. «Wir haben die Lage in Bezug darauf genauestens im Blick», meinte die Polizei in Koblenz.

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