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Fußball: 2014 schaffen Borussia Darup und Dirk Rotthäuser auf den letzten Drücker den Klassenerhalt

Die Rettung aus der kalten Hose

Darup. Als der Name an diesem sonnigen Nachmittag im Mai 2014 auf seinen Handydisplay auftauchte, ahnte er, was kommen würde. „Lorri war dran“, erzählt Dirk Rotthäuser. Lorri alias Lorenz Beermann, Fußball-Abteilungsleiter bei Borussia Darup. Was für „Putsche“ alias Rotthäuser den Verdacht nahelegte, dass es nicht nur um eine Plauderei unter alten Freunden gehen dürfte. „Ich wusste ja, in welcher Situation sich die Mannschaft befand.“ Akute Abstiegsgefahr in der Kreisliga A, da war kurzfristig Hilfe gefragt. „Putsche“ packte an – und gut vier Wochen später feierte die Borussia auf spektakuläre Art und Weise den Klassenerhalt.

Frank Wittenberg

Thomas Puhe (links) entwischt dem damaligen SG’ler Jonas Böller – der Borussia-Stürmer erzielte im Relegationsspiel das entscheidende Tor zum 2:1-Sieg der Daruper. Foto: Archiv Foto: az

Ein Einsatz im wahrsten Sinne aus der „kalten Hose“. Denn eigentlich hatte der Coesfelder nach vielen Jahren als Spieler und Spielertrainer mit dem Thema abgeschlossen. „Ich hatte ehrlich gesagt einen Riesenhaken an die Geschichte gemacht“, gibt der heute 53-Jährige zu. Im Sommer 2010 hatte er sich nach vier Jahren bei den Borussen in den Fußball-Ruhestand verabschiedet. Dann aber kam der Hilferuf des Clubs, der ihm so sehr ans Herz gewachsen war. Drei Spieltage vor Schluss lagen die Daruper auf einem Abstiegsplatz und hatten die Zusammenarbeit mit Dieter Köhler beendet.

Eine lange Bedenkzeit brauchte RW Essen-Fan Rotthäuser, den alle nur „Putsche“ nennen, nicht. Natürlich hielt er zunächst Rücksprache mit seiner Frau Petra. „Wenn du Bock darauf hast, dann mach’ es“, war die Antwort – und Bock hatte er aus alter Verbundenheit durchaus. „Die Jahreszeit war ja angenehm“, sagt er mit einem Augenzwinkern. „Kein Regen, keine kalten Temperaturen, keine Asche.“ Einen Gedanken daran, dass die Mission schiefgehen könnte, verschwendete er nicht: „In der Situation war nicht viel zu verlieren.“

Die Mission startete am 25. Mai 2014 mit einer 0:1-Niederlage gegen GW Hausdülmen. Eine Woche später holten die Daruper ein 0:0 gegen den SV Gescher II. Ein wertvoller Punkt, der zumindest die Hoffnung auf ein Relegationsspiel erhielt. „Am Ende sind wir nicht mehr volle Pulle gegangen“, erinnert sich Rotthäuser. „Die Gefahr, einen zu kassieren und schon sicher abgestiegen zu sein, war zu groß.“

Damit war die Konstellation vor dem letzten Spieltag klar: Die Daruper mussten bei DJK Coesfeld II gewinnen, Konkurrent SG Coesfeld 06 II zeitgleich verlieren. Und genau das passierte: Während die SG-Reserve bei Meister VfL Billerbeck mit 0:5 unterging, setzte sich die Borussia mit 3:0 in Coesfeld durch – die Tore schossen Sven Thiemann, Thomas Puhe und Niklas Gotthoff, die allesamt noch heute für die Daruper auflaufen. „Das war eine ganz reife Leistung“, lächelt der Trainer. „Die Jungs haben sensationell geliefert.“

Das erste Etappenziel war erreicht, der Klassenerhalt aber noch nicht. Dafür stand neun Tage später ein Relegationsspiel an – ausgerechnet gegen die zweite Mannschaft der SG Coesfeld 06, Dirk Rotthäusers Heimatverein. „Die Konstellation hatte ich mir nicht gewünscht“, gibt er zu. „Aber wir hatten ein Ziel, und das wollten wir sportlich lösen.“ Der Bessere sollte gewinnen.

Das waren an diesem Mittwochabend in Rorup die Daruper. Vor 400 Zuschauern brachte Jan Ahlers die Borussen in der 34. Minute verdient in Führung. Der Ausgleich durch Marcel Albermann nach einer Flanke von Patrick Tumbrink in der 73. Minute ließ Dirk Rotthäuser richtig nervös werden. „Da hätte es kippen können“, erinnert er sich an eine Zitterphase, in der Thomas Puhe drei Minuten später nach Pass von Jan Ahlers mit dem 2:1 zurückschlug – „ein Gerd Müller-Gedächtnistor“, lacht „Putsche“. Sein Weg führte nach dem Abpfiff umgehend zu den Verlierern, um Trost zu spenden. Danach erst ließ er sich ausgiebig von seinen Spielern feiern. „Ein tolles Erlebnis!“ Und eine lange Nacht.

Mission erfüllt, in gerade einmal vier Wochen. Seine eigene Rolle will Dirk Rotthäuser dabei aber gar nicht so hoch hängen. Wichtig sei gewesen, sofort einen guten Kontakt zu den jungen und alten Spielern zu finden – und mit teils unkonventionellen Methoden die Lockerheit zurückzubringen. „Marcel Bunge hat mir anschließend gesagt, dass er so den Spaß am Fußball wiedergefunden hat“, erzählt Rotthäuser. „Das hat mich sehr gerührt.“

Geschafft! Der „Retter“ durfte in seine bereits liebgewonnene Rolle zurückkehren, nämlich ohne jede Verpflichtung zum Platz zu gehen. Noch einmal zog es den 53-Jährige in die Trainerrolle, als er in der Saison 2017/18 für die Rückrunde eben diese SG Coesfeld 06 II übernahm, in der zu diesem Zeitpunkt seine Söhne David, Simon und Jeremias spielten. Den Abstieg aus der Kreisliga A konnte er nicht verhindern. „Das zeichnete sich schnell ab. Also ging es darum, das Team zusammenzuhalten.“ Seitdem begnügt sich „Putsche“ wieder mit der Zuschauerrolle – gelegentlich auch in Darup, wo er einen besonderen Status genießt: „Ich habe eine Ehrendauerkarte auf Lebenszeit bekommen.“

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