Fußball: Vor zehn Jahren steigen die Frauen des VfL Billerbeck in die Westfalenliga auf

„Stele“ und die perfekte Saison

Billerbeck. Leichtfüßig wie eh und je versucht er die Flucht. Frank Stening trommelt mit Riesenschritten über die Kunststoffbahn, aber selbst die wildesten Haken bringen nicht den gewünschten Erfolg. Lena Wewering, die Physiotherapeutin, lässt sich nicht abschütteln, kommt dem Trainer immer näher und erwischt ihn mit einer vollen Ladung aus einer Sektpulle – der verdiente Lohn für eine fantastische Leistung: Die Frauenfußballerinnen steigen an diesem 17. April 2011 mit dem 3:0-Sieg gegen Preußen Borghorst erstmals in der Vereinsgeschichte in die Westfalenliga auf, mit der Bilanz von 24 Siegen in 24 Spielen. „Keinen einzigen Punkt haben wir abgegeben“, zeigt sich „Stele“ auch zehn Jahre später stolz. „Das war die perfekte Saison.“

Frank Wittenberg

24 Spiele, 24 Siege, Landesliga-Meister, Westfalenliga-Aufsteiger und Pokalsieger: In der Saison 2010/11 sind die Fußballerinnen des VfL Billerbeck das Maß aller Dinge. Fotos: Archiv Foto: az

Wobei die Erfolgsgeschichte schon rund eineinhalb Jahre früher beginnt. Zur Saison 2009/10 übernimmt Stening den damaligen Landesligisten – und wagt nach vielen Jahren im Junioren- und Seniorenbereich erstmals den Schritt in den Frauenfußball. „Das war zu Beginn für mich etwas schwierig und ungewohnt“, gibt er ehrlich zu. „Da musste erst das Eis brechen.“ Weil es mal nicht so klappte wie gewünscht, dauerte eine Trainingseinheit auch mal drei Stunden, erinnert er sich – „aber gemeinsam haben wir dann eine Riesentruppe geformt.“

Und die hätte schon ein Jahr vorher in die Westfalenliga aufsteigen können. 16 Siege in Serie legen die Billerbeckerinnen zwischenzeitlich hin, holen 69 von 78 möglichen Punkten – und werden „nur“ Vize, weil Germania Hauenhorst noch zwei Zähler mehr sammelt.

Damit ist die Marschroute für die folgende Spielzeit 2010/11 klar, zumal der VfL weitere hochkarätige Verstärkung bekommt, unter anderem mit Nicole Thomas, Sarah Guljasch, Nadine Tigges und Sandra Brambrink vier Spielerinnen vom Regionalligisten DJK Coesfeld. Offiziell größe Töne spucken wollen sie trotzdem nicht: Einen Platz unter den ersten Drei gibt der Trainer als Ziel aus. Zumindest nach außen hin. „Intern war klar, dass wir aufsteigen wollen“, lächelt Stening. „Aber ich wollte ein bisschen den Druck vom Kessel nehmen.“

Denn eine Erfahrung machen die Billerbeckerinnen schnell: Gegen das Bayern München der Frauen-Landesliga treten viele Gegner mit der Extraportion Motivation an. Schon das erste Saisonspiel beschert einen mühsamen 2:1-Sieg gegen Teuto Riesenbeck mit dem entscheidenden Treffer von Sandra Brambrink in der Nachspielzeit. Aber der VfL kommt immer besser ins Rollen und lässt nichts anbrennen. „Es gab ein bis zwei Schlüsselspiele, nach denen klar war, dass uns keiner mehr aufhält“, blickt der heute 43-Jährige zurück.

So stehen sie schon am 22. Spieltag Mitte April vor dem Meisterstück. Gegen Preußen Borghorst dauert es eine gute Stunde, dann bricht Nicole Thomas am Helker Berg den Bann. Sie legt per Elfmeter-Nachschuss auch das 2:0 nach, ehe Sarah Guljasch für den 3:0-Endstand sorgt und die Riesenparty einläutet: Schon am fünftletzten Spieltag ist der VfL von der Konkurrenz nicht mehr einzuholen. Für Stening und sein Personal ist das aber kein Grund, nachzulassen: „Jetzt wollten wir auch alle Saisonspiele gewinnen!“ Mit dem 7:1-Heimsieg gegen den SC Gremmendorf gelingt dieses Kunststück. „Pokalsieger sind wir auch noch geworden“, lächelt der Trainer. „Wir haben über ein Jahr lang kein einziges Fußballspiel verloren.“

Eines macht Frank Stening noch zehn Jahre später deutlich: Der Erfolg ist nicht allein auf seinen breiten Schultern gewachsen. „Wir hatten ein überragendes Team hinter der Mannschaft“, schwärmt er von der Besetzung mit seinen Co-Trainern Heike Derbort und Christian Große-Gehling, mit Torwarttrainer Holger Derbort und Betreuer Dirk Kerkhoff, mit Dirk Reiling oder auch Walter Okon als Trainer der „Zweiten“ und nicht zuletzt mit dem Mannschaftsverantwortlichen Matthias Heuermann. Sie alle impfen dem Team ein wichtiges Geheimnis des Erfolgs ein. „Du kannst nicht immer mit 25 Querpässen ein Tor machen“, lacht Stening, „Man muss es auch mal erzwingen.“

Im folgenden Jahr eins in der Westfalenliga wollen sie vor allem mit dem Abstieg nichts zu tun haben. Das gelingt souverän: Am Ende steht Rang sechs zu Buche, nur sieben Punkte hinter dem Zweitplatzierten. „Diese Liga war noch einmal ein anderer Schuh, auch durch die weiten Auswärtsfahrten.“ Nach dieser dritten Saison beim VfL verabschiedet sich Frank Stening, trainiert die Männer von SW Holtwick und Borussia Darup, dann nach einem weiteren Jahr bei den VfL-Frauen den A-Ligisten Vorwärts Lette und nun Brukteria Rorup. „Da ist die Mannschaft im Umbruch, aber es macht richtig Spaß“, betont der 43-Jährige. Stolz ist er zugleich darauf, dass die Billerbecker Fußballerinnen seit dem Aufstieg 2011 nun zehn Jahre ununterbrochen Stammgast in der Westfalenliga sind. „Wir waren super erfolgreich, aber es ging nicht nur um Fußball“, sagt er. „Wir haben auch im Hintergrund viel aufgebaut.“

Startseite