Parasport: Mathias Mester verzichtet auf die Paralympics und beendet seine sportliche Karriere

Absprung in ein neues Leben

Coesfeld

So schwer die Entscheidung auch fiel, der erst wenige Tage alte Goldrand rund um den Haken an seine Karriere sorgt für ein gutes Gefühl. „Mir geht es richtig gut mit dem Gedanken“, versichert Mathias Mester. „Ich freue mich auf alles, was jetzt kommt.“ Und das sind keine harten Trainingseinheiten mehr, auch nicht der Traum von der Paralympischen Goldmedaille in Tokio – für „Matze“ ist Schluss, und das ab sofort. „Ich muss an meine Gesundheit denken“, zieht er einen Strich unter 17 Jahre Parasport auf höchstem Niveau. Sieben Weltmeister-Titel, vier EM-Goldmedaillen, Paralympisches Silber, eine Vielzahl an Deutschen Meistertiteln, das ist für die Geschichtsbücher.

Von Frank Wittenberg

Nur noch einmal wird Mathias Mester so zu sehen sein: In „seinem“ Stadion in Leverkusen will er am 25. Juni zum letzten Mal in einem Wettkampf antreten – „just for fun“. Foto: Fotos: Archiv

Heinrich Popov, einer der bekanntesten deutschen Behindertensportler, war der Erste, den Mester in seine Pläne eingeweiht hat. „Vergangene Woche auf der Fahrt nach Polen“, erzählt der Coesfelder. Er sprach gegenüber seinem Kumpel laut aus, was ihm in den Sinn gekommen war: „Wenn ich Gold bei der EM hole, höre ich auf.“ Popov habe vollstes Verständnis gezeigt, freut sich der 34-Jährige über die wertvolle Unterstützung. „Er kennt meinen Leidensweg und findet es richtig.“ Nach diesem Gedanken tatsächlich den EM-Titel zu holen, sei das letzte Signal gewesen, was noch gefehlt habe, um den Entschluss endgültig reifen zu lassen. „Ein enger Wettkampf, ein geiles Gefühl“, strahlt Mester, der den Speer in Bydgoszcz auf 36,31 Meter warf und den favorisierten Kroaten Vladimir Gaspar um 29 Zentimeter distanzierte.

Auf diesen Triumph folgt der Sieg der Vernunft. Zu gerne hätte Mathias Mester noch einmal nach der Paralympischen Goldmedaille gegriffen, die ihm in seiner Sammlung fehlt. „Aber der Rücken macht einfach nicht mehr mit“, spricht er Klartext. Seit einer OP im Lendenwirbelbereich im Jahr 2010 habe er immer wieder Probleme gehabt. „Morgens brauche ich oft eine halbe Stunde, bis ich in die Socken und Schuhe komme“, schüttelt er den Kopf. Das ständige Auf und Ab zehre an den Nerven. „Einen Tag habe ich das Gefühl, ich könnte Bäume ausreißen und Weltrekord werfen“, schildert er. „Dann habe ich wieder drei Tagen Schmerzen.“ Deshalb zieht er jetzt und gleich die Konsequenzen – zumal immer noch nicht endgültig sicher sei, ob die Paralympics in Tokio Ende August auch tatsächlich stattfinden.

Raus aus dem sportlichen Rampenlicht, hinein in den Nebel der Ungewissheit? Nein, das Schicksal, das schon so einigen Sportlern ereilt ist, sieht „Matze“ Mester für sich nicht. Im Gegenteil: Er freut sich riesig auf die kommende Zeit, die so einige Herausforderungen für ihn bereithalten wird. Zu viel kann und will er noch nicht verraten, aber jetzt erweist sich als Vorteil, dass er sich schon frühzeitig Gedanken über das „Danach“ gemacht und den Fokus nicht ausschließlich auf den Sport gelegt hat. „Moderation, Comedy, das ist mein Ding“, lächelt er. Ein paar spannende Sachen hat er bereits im Köcher.

Wohin der Weg auch führt, die Erlebnisse aus 17 Jahren Leistungssport wird der 1,42 Meter große Coesfelder immer in sich tragen. „Bei den Paralympics in London bin ich von 80 000 Zuschauern angefeuert worden und war dabei auf der Anzeigentafel zu sehen“, nennt er nur einen von vielen spektakulären Momenten. Er war der erste kleinwüchsige Athlet, der den Speer über 40 Meter, die Kugel über elf und den Diskus über 30 Meter geworfen hat – inklusive aller drei Weltrekorde. Er durfte Angela Merkel kennenlernen, hat mit den „Parantänischen Spielen“ 18 000 Euro an Spendengeldern gesammelt. „Und ich bin mit unserem Präsi in den Pool gesprungen“, erinnert er sich an die Paralympics 2016 in Rio de Janeiro, als er Friedhelm Julius Beucher, den Chef des Deutschen Behindertensportverbandes, unter dem Jubel aller Beteiligten dazu bewegte, eine Abkühlung zu nehmen: „Ich in Boxershorts, er hat immerhin die Schuhe ausgezogen.“

Solche Aktionen gehörten für ihn immer dazu. Und Mathias Mester weiß, dass er wegen seiner sportlichen Leistungen, aber auch wegen seines gesamten Auftreten eine Art Botschafter und Vorbild war und ist. „Wenn mir Leute schreiben, dass ich ihnen Mut mache, dann macht mich das mega-stolz!“ Sie zu motivieren, ihnen ein Lächeln ins Gesicht zaubern, auch wenn sie mit einem Handicap zu kämpfen haben – nein, damit will er auch nach der Karriere nicht aufhören. Zumal der 34-Jährige erst vor wenigen Tagen die größtmögliche Bestätigung erhalten habe, erzählt er gerührt. Als er seine Eltern über seinen Entschluss informiert hat, reagierte sein Vater Rudolf mit einem klaren Statement: „Für mich bist und bleibst du der beste Sportler aller Zeiten!“ Treffender hätte er es wohl kaum ausdrücken können. | Kommentar

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