Parasport: Mathias Mester holt Titel im Speerwerfen, verpasst aber die Paralympics-Norm

Der „Weltmester“ kann auch Europa

Coesfeld

Allenfalls eine Mütze Schlaf war ihm gegönnt, ehe er schon wieder über die Autobahn rollte. „Um 7 Uhr war ich heute Morgen zuhause“, erzählt Mathias Mester am Sonntagmittag. „Drei Stunden habe ich geschlafen, jetzt geht es weiter nach Bochum.“ Mächtig eng getaktet ist der Zeitplan des Parasportlers, aber die nötige Portion Adrenalin hat er sich tags zuvor in Polen selbst geholt: Der Coesfelder ist Europameister 2021 im Speerwerfen! „Eine knappe Kiste“, atmet er durch. Aber es hat gereicht – wenn auch noch nicht für die Paralmypics-Qualifikation.

Von Frank Wittenberg

So jubelt der Europameister 2021: Zum vierten Mal sicherte sich Mathias Mester am Samstag den Titel im Speerwerfen knapp vor seinem Konkurrenten aus Kroatien. Foto:

Dabei ist der vierte EM-Titel nach 2012 in Stadtskanal, 2014 in Swansea und 2018 in Berlin keine Selbstverständlichkeit. Denn die Mission Titelverteidigung stand lange Zeit auf wackeligen Füßen. „Der Rücken bleibt leider meine ewige Baustelle“, zuckt der 34-Jährige, der für den 1. FC Kaiserslautern startet, mit den Schultern. Denn erneut musste „Matze“ Mester seine Saisonvorbereitung wegen anhaltender Probleme einschränken. „Etwa vier bis fünf Wochen fehlen mir“, bedauert er. Immer wieder schmerzt es im Bereich der Lendenwirbel, die ihm schon so häufig Stress bereitet haben. Und das jetzt ausgerechnet in der Paralmypics-Saison.

Umso höher stuft er diesen Titel ein, den er sich am Samstag geschnappt hat. Beinahe aus der „kalten Hose“, denn die Europameisterschaft war sein erster Wettkampf überhaupt in diesem Jahr. Und das auch noch mit einer ungewöhnlichen Vorbereitung, denn erst am Freítag hatte sich der Coesfelder auf den Weg ins polnische Bydgoszcz gemacht, der Stadt mit rund 350 000 Einwohnern zwischen Danzig und Posen. Mit dem Auto, nicht mit dem Flugzeug, denn das war Mester in Corona-Zeiten zu heikel. Immerhin musste er die fast 900 Kilometer pro Weg nicht alleine antreten: „Heinrich Popov war als Fahrer, Kumpel und Unterstützer dabei“, freut sich „Matze“ über die prominente Rückendeckung des bekannten Parasportlers. Am Freitagabend sind sie in Bydgoszcz eingetroffen – Essen, Hotel, nach einer Nacht Schlaf und einem erneuten Corona-Test ab zum Wettkampf, direkt am Abend wieder gen Heimat, ein mächtig strammes Programm.

Das aber präsentiert sich nun im goldenen Schein. Eine Medaille, ja, die hatte er sich trotz aller Probleme im Vorfeld durchaus zugetraut. „Gold aber sicherlich nicht“, gibt der 34-Jährige zu. Denn die Vorleistungen des Kroaten Vladimir Gaspar mit mehr als 38 Metern sind nicht von schlechten Eltern. Aber Mester legt vor, wirft den Speer im zweiten Versuch auf 36,31 Meter und setzt sich an die Spitze. Der Favorit aus Kroatien steigert sich anschließend von Versuch zu Versuch, bleibt aber am Ende mit 36,02 Metern 29 Zentimeter hinter seinem Konkurrenten aus Coesfeld. Auf Rang drei kommt Omer Faruk Ilkin aus der Türkei mit seiner Weite von 34,34 Metern.

In den Jubel über den Europameister-Titel mischt sich allerdings auch ein Wermutstropfen, denn die Norm für die Paralmypics-Qualifikation verpasst Mester deutlich. „Das wird auch verdammt eng, die zu packen“, weiß er um die schwere Aufgabe, die auch bei der internationalen Konkurrenz Kopfschütteln auslöst: Auf 40,13 Meter hat der Deutsche Leichtathletikverband die notwendige Weite festgesetzt, die das Ticket für Tokio 2021 bedeuten würde – so weit wie in keinem anderen Land. „Damit würdest du wahrscheinlich eine Medaille holen“, schüttelt der Parasportler den Kopf. „Der Kroate hat mit seinen 36,02 Metern deren Norm erfüllt.“

Das ist eine hohe Hürde, zumal dem 34-Jährigen die Zeit davonläuft. Nicht einmal mehr ganz vier Wochen bleiben ihm, um diese Norm zu knacken – auch das empfindet er nicht unbedingt als gerecht. Denn ihnen steht nur das identische Zeitfenster wie den olympischen Sportlern zur Verfügung – „obwohl unsere Paralympics ja erst vier Wochen später ausgetragen werden.“ Vier Wochen, die für ihn extrem wertvoll sein könnten, um diese 40 Meter noch zu knacken. Dennoch lässt er das große Ziel nicht aus den Augen: „Am 25. Juni packe ich es auf meiner Lieblingsanlage an.“ In Leverkusen, wo er auch den Europarekord von 41,67 Metern aufgestellt hat, soll es krachen.

Bis dahin gilt es, die vielen Trainingseinheiten und Termine unter einen Hut zu bringen. So wie gestern, als er sich nach den lediglich drei Stunden Schlaf als Co-Moderator bei den Ruhr Games in Bochum betätigen durfte. Das ist anstrengend, macht aber auch jede Menge Spaß – wobei „Matze“ Mester schon gestern überzeugt war: „Das Training am Montag wird für mich richtig hart.“

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