Fußball: Schiedsrichter-Lehrwart Christoph Dastig und die knifflige Regelkunde

In Bruchteilen von Sekunden

Coesfeld. Es war der Aufreger am zehnten Spieltag der Fußball-Bundesliga. Im Spiel zwischen Werder Bremen und dem VfB Stuttgart schießt Silas Wamangituka, nachdem er sich aufreizend viel Zeit ließ, zum 2:0 für die Gäste ein. Torwart Jiri Pavlenka (Bremen) kommt zu spät. Aber war das eine Unsportlichkeit, wie viele der Millionen Fußball-Experten am nächsten Tag urteilten?

Jürgen Primus

Alles im Blick: Christoph Dastig (hinten), Schiedsrichter und zugleich Lehrwart, nimmt die Aktion des Letteraners Jonas Böller unter die Lupe. Foto: Frank Wittenberg

Einer, der es wissen muss, ist Christoph Dastig. Der Coesfelder ist Schiedsrichter-Lehrwart im Fußballkreis Ahaus/Coesfeld. Aber ganz einfach fällt ihm die Antwort nicht. „Eine Unsportlichkeit ist immer subjektiv und liegt im Ermessen des Schiedsrichters“, sagt Dastig, ohne im Einzelnen auf die Szene aus dem besagten Bundesliga-Spiel einzugehen. Zwischen den Zeilen wird aber deutlich: Für Dastig liegt in diesem Fall keine Unsportlichkeit vor. „Was anderes war es sicherlich vor Jahren mit Karlheinz Rummenigge, als dieser den Ball hochnahm und dann lässig einköpfte.“ Das würde heute sicherlich abgepfiffen. Heißt: Das Tor zählt nicht, der Spieler bekommt die Gelbe Karte gezeigt.

Schiedsrichter müssen oft in Bruchteilen von Sekunden entscheiden. Und nicht immer ist die Regelfrage ganz klar. Es gibt insgesamt 17 Regeln. „Da ist aber nicht jeder Fall niedergeschrieben. Dann wäre das Buch ja auch dicker als die Bibel“, sagt Christoph Dastig und lacht. Vielmehr gebe es manchmal Interpretationsspielraum.

Wie bei einem Fußball-Spiel im asiatischen Raum. „Da gab es einen Strafstoß. Der Schütze läuft an, dreht sich um 180 Grad und schießt den Ball mit der Hacke ins Tor.“ Der Torhüter sei so verdutzt gewesen, dass er in die falsche Ecke springt und der Ball so ins Tor trudeln kann. „Wir Schiedsrichter hier haben lange diskutiert, ob eine Täuschung des Torhüters vorlag und ob diese unsportlich war.“ Am Ende sei deutlich gemacht worden, dass dieses Manöver legal gewesen sei, weil der Strafstoßschütze seine Möglichkeiten nur genutzt habe.

Für Christoph Dastig gilt: „Ich sage immer: Erwarte das Unerwartete. Wir Schiedsrichter müssen immer auf alles gefasst sein.“ Dafür bereiten sich die Spielleiter in regelmäßigen Lehrabenden akribisch vor. „Wir haben natürlich auch ambitionierte Leute unter uns, die wir dann manchmal anders fördern als die Basis, da wir ja alle Leute unter einem Hut bekommen müssen.“

Vor gar nicht allzu langer Zeit habe es eine Szene in der hiesigen Oberliga gegeben, wo der Torwart eine Flanke abgefangen habe. Dann wollte dieser den Ball zu seinem Mitspieler werfen, doch der Abwurf misslang, weil der Ball wohl glitschig war. Die Kugel flog kerzengerade nach oben, der Stürmer rauschte heran. Um ein Tor zu verhindern, fing der Keeper den Ball – und war verdutzt, dass der Schiedsrichter auf indirekten Freistoß für den Gegner entschied. „Auch in höheren Spielklassen sind nicht allen Kickern immer alle Regeln bekannt und somit klar, dass der Torhüter den Ball nicht zweimal spielen darf. Auch wenn es hier sicher keine Absicht war.“ Das mache die Aufgabe des Schiedsrichters aber auch so anspruchsvoll und interessant.

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