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Handball: Turnierstart in Ägypten stößt nicht auf ungeteilte Begeisterung

Mit gemischten Gefühlen in die WM

Coesfeld. Den Flieger nach Ägypten würde Helmut Martin in Kürze besteigen. Eigentlich – aber was ist schon normal in Corona-Zeiten? „Vor Ort sollte während der Weltmeisterschaft unser Seminar stattfinden“, erzählt der Billerbecker, der sich seit Jahren für das Projekt „Handball at school“ der International Handball Federation (IHF) einsetzt. Das Treffen ist vor den Hintergrund der Pandemie abgesagt, die WM 2021 aber nicht. Und dafür kann Martin nur wenig Verständnis aufbringen.

Frank Wittenberg

Mit vollem Einsatz: Sebastian Firnhaber (links) vom HC Erlangen zählt zu den Neulingen, die bei der Weltmeisterschaft in Ägypten für die deutsche Nationalmannschaft auflaufen werden. Foto: dpa

Das Risiko, das mit dieser Mammutveranstaltung mit 32 Mannschaften sowie der Funktionäre eingegangen werde, sei viel zu hoch. „Aber unser IHF-Präsident Hassan Moustafa ist ja selbst Ägypter“, sagt der langjährige Trainer der DJK-Handballerinnen. „Er will diese Veranstaltung unbedingt durchziehen.“ Da gehe es ums Prestige und natürlich um das liebe Geld. Immerhin seien die Verantwortlichen aufgrund der Spielerproteste kurzfristig davon abgerückt, auch noch Zuschauer in die Hallen zu lassen.

Wichtig sei so eine Weltmeisterschaft mit den TV-Übertragungen für den Handball, daraus macht Helmut Martin kein Geheimnis. „Aber nicht um jeden Preis“, bezieht der 71-Jährige klar Stellung. „Wir quälen uns hier alle, eine C-Jugend darf seit Wochen nicht trainieren, aber da wird eine WM gespielt.“ Dass einige Topspieler wie Henrik Peckeler, Finn Lemke, Patrick Wiencek und Steffen Weinhold ihre Absage erteilt haben, könne er sehr gut verstehen: „Die Familie ist wichtiger als drei Wochen in Ägypten Handball zu spielen.“

Ein zweischneidiges Schwert, findet Dirk Haverkämper, der grundsätzlich froh sei, eine Entscheidung über die Weltmeisterschaft nicht treffen zu müssen. „Wenn der Profisport zulässig ist, Bundesliga und Champions League gespielt wird, dann kann sicherlich auch eine WM durchgeführt werden“, erklärt der Trainer der Verbandsliga-Handballerinnen der DJK Coesfeld. Ob es aber in die Zeit passe, in der hier vor Ort viele Einrichtungen geschlossen seien, müsse sicherlich in Frage gestellt werden.

Auch DJK-Abteilungsleiter Thomas Bücking weiß, dass sich vortrefflich über Sinn und Zweck dieser Handball-WM philosophieren lasse. „Für mich wäre es auch in Ordnung gewesen, wenn sie nicht stattgefunden hätte“, sagt der 64-Jährige, der sich ein Stück weit aber auch einen positiven Effekt erhofft. Denn solche Großveranstaltungen mit medialer Präsenz seien auch immer ein Impuls, um den Sport in den Fokus zu rücken: „Gerade in diesen Zeiten, in denen wir immer wieder überlegen müssen, wie wir unsere Mitglieder bei Laune halten, kann so eine WM eine gute Wirkung haben.“ Die richtige Maßnahme sei der Entschluss, die Spiele nun dich ohne Zuschauer und damit ohne unnötigen Trubel über die Bühne zu bringen.

Genau das hält auch Sven Holz für richtig und wichtig. „Gut, dass sich diese Spielerinitiative gebildet hat, die sich ausdrücklich gegen eine Zuschauerbeteiligung ausgesprochen hat“, urteilt der Trainer der Bezirksliga-Handballer der DJK Coesfeld. Mit der Frage, ob die Durchführung der WM sinnvoll ist oder nicht, geht er ganz pragmatisch um. „Wir sind doch alle froh, wenn wir arbeiten gehen können“, zuckt Holz mit den Schultern. „Und die Jungs gehen eben ihrem Beruf nach.“ Die Absagen einiger gestandener Spieler sieht er als nachvollziehbar an, die Kritik von Torwart Andreas Wolff daran ebenso. „Nicht überbewerten“, wünscht sich Sven Holz. „Die Spieler machen in Ägypten ihren Job, für uns daheim ist die WM hoffentlich ein netter Zeitvertreib.“

Teilnehmen? Absagen? Clara Woltering, die selbst bei etlichen Weltmeisterschaften aktiv dabei war, wüsste, wie sie sich entschieden hätte. „Ich wäre sicherlich mitgefahren“, sagt die ehemalige Handball-Nationaltorhüterin. „Auch wenn das jeder mit sich selbst ausmachen muss.“ Die Entscheidung einiger erfahrener Spieler, auf den Ägypten-Trip zu verzichten, kann sie durchaus akzeptieren – zumal es gestandene Leute seien, die schon oft alles für Deutschland gegeben hätten. Was die Letteranerin in dieser schwierigen Situation beruhigt: „Gut, dass sich die Spieler erfolgreich gegen die Zuschauerbeteiligung gewehrt haben.“ Unter den Umständen sei die Durchführung der WM vertretbar, wenn sich alle Beteiligten in der „Blase“ verantwortungsbewusst verhalten.

Dennoch: Eine gewöhnliche Weltmeisterschaft werde das gewiss nicht. „Vor leeren Rängen fühlt sich das ja eher wie ein Freundschaftsspiel an“, weiß sie aus Erfahrung. Dieser zusätzliche Kitzel, die entscheidenden Prozentpunkte mehr, das werde ohne Fans ausbleiben. „Also muss alles aus deinem eigenen Kopf und Körper kommen“, erklärt Clara Woltering. „Das wird für die Spieler sehr anstrengend.“

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