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Tischtennis: Im Jahr 2001 schafft es Team Heidifoto Coesfeld bis ins Europapokal-Viertelfinale

Mit Robbie Williams nach Italien

Coesfeld. Der Kurs gen Süden wird begleitet von strahlendem Sonnenschein und dröhnender Musik von Robbie Williams. „Die Mädels haben so lautstark mitgesungen, dass ich dachte, sie werden heiser“, lächelt Rahul Nelson. „Aber sie haben es dann doch alle unbeschadet überstanden.“ Und erfolgreich dazu, denn die Europapokal-Dienstreise der Tischtennis-Damen von Team Heidifoto Coesfeld nach Italien verläuft auch sportlich sehr erfolgreich.

Frank Wittenberg

Vier Jahre lang der absolute Publikumsliebling in Coesfeld: Renata „Strbi“ Strbikova. Foto: az

Man stelle sich vor, die Bayern-Kicker müssen beim FC Barcelona antreten und machen sich im Privat-Pkw auf die Reise . . . – undenkbar. Im Tischtennis, wo nicht das ganz große Geld fließt, aber völlig normal. Als die Coesfelder Damen in der Saison 2001/02 im ETTU-Pokal, vergleichbar mit der Europa League im Fußball, antreten, packt der Trainer seine Spielerinnen kurzerhand ins Auto und nimmt die 1200 Kilometer nach Sgonico am Golf von Triest unter die eigenen Reifen. „An Italien habe ich die schönste Erinnerung“, blickt Nelson zurück. Nicht nur wegen des glatten 3:0-Sieges, den Elke Schall, Renata Strbikova und Nikoleta Stefanova bei C.S. SK Kras Sgonico einfahren. „Es war da einfach wunderschön!“

Es ist bereits der zweite europäische Auftritt des Team Heidifoto, wie der Bundesliga-Aufsteiger von 1998, Assistance Coesfeld, mittlerweile heißt. Die Premiere auf der internationalen Bühne steigt schon zwei Wochen vorher im ETTU-Pokal, „in den wir ein wenig reingestolpert sind“, wie Nelson zugibt. Als Tabellensechster der Vorsaison lösen sie das Ticket, nehmen die Herausforderung aber gerne an. So weht am 28. September 2001 erstmals europäisches Flair durch die Sporthalle am Schulzentrum, auch wenn die Premiere gegen STK Topvar Topokany aus der Slowakei sportlich fast zur Farce gerät. Denn abgesehen vom klaren 3:0-Erfolg sieht sich Topspielerin Elke Schall an der Platte Babora Baiacova gegenüber – deren Alter geben die Gäste mit 9 (!) an. Am Ende bieten die Pippi-Langstrumpf-Zopffrisuren der Coesfelderinnen mehr Gesprächsstoff als der sportliche Vergleich. „Ich habe schon prickelndere Partien erlebt“, gibt Rahul Nelson anschließend zu. „Das war keine Werbung für das Tischtennis.“

Umso schöner ist besagter 3:0-Sieg im italienischen Sgonico in der zweiten Runde inklusive einer beeindruckenden Gastfreundschaft. Im Achtelfinale geht es nach Frankreich, wo mit St. Loup du Doret ein härterer Brocken wartet. 600 Zuschauer verwandeln die Halle in einen Hexenkessel, und die Spielerinnen beider Mannschaften danken es mit einem über dreistündigen Krimi. Elke Schall gewinnt ihr erstes Einzel, Renata Strbikova verliert. Nach einer knappen Niederlage von Nikoleta Stefanova steht es 1:2, aber Elke Schall schafft den 2:2-Ausgleich. Nun hängt alles an „Strbi“, die tatsächlich den Punkt zum Einzug ins Viertelfinale holt.

Die Europa-Reise endet im Dezember in eigener Halle auf dramatische Weise. Gegen STK Duga Resa aus Kroatien liegt das Team Heidifoto nach Niederlagen von Renata Strbikova und Elke Schall fast aussichtslos mit 0:2 zurück. „Da habe ich Elke taktisch nicht auf Kurs bringen können“, zeigt sich Rahul Nelson fast 20 Jahre später selbstkritisch. „Sie hat ihre Nerven nicht in den Griff bekommen.“ Nikoleta Stefanova bringt die Hoffnung zurück, dann gelingt Elke Schall im zweiten Einzel tatsächlich der Ausgleich.

Nun hängt alles am Duell der „Verrückten“, wie Nelson schon vor der Partie von Renata Strbikova gegen Cornelia Vaida unkt. Und die liefern den ultimativen Schocker. „Strbi“ liegt zurück, zeigt ihrer Kontrahentin den Vogel und gleicht im fünften Satz zum 9:9 aus – zwei Punkte fehlen der Tschechin nur zum Sieg, die aber holt ihre Gegnerin. Aus der Traum vom Halbfinale! „Nicht schade, sondern sch . . .“, stammelt sie und sucht mit Tränen in den Augen das Weite. Rahul Nelson läuft derweil verloren durch die Halle: „Ich bin total leer.“ Die spektakuläre Europa-Tournee endet – und nicht einmal ein halbes Jahr später das gesamte Bundesliga-Abenteuer in Coesfeld.

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