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Dieter Frieling drückt Deutschland die Daumen, Gattin Corinne ist für Frankreich

Oh là là! Liebe ist stärker als Fußball

Lette

Es lebe die Liebe. Vive l’amour! Seit 37 Jahren sind die Frielings verheiratet. „Aber immer wenn Deutschland gegen Frankreich spielt, wird unsere Ehe auf eine harte Probe gestellt“, sagt Dieter (66), „wie jetzt bei der Europameisterschaft.“ Seine Frau grätscht dazwischen wie ein beinharter Vorstopper. „Aber sobald der Schlusspfiff ertönt, ist alles vorbei“, meint Corinne (60), „dann vertragen wir uns wieder.“ Er ist Deutscher, sie Französin. Oh là là! Und die zwei sind total fußball-verrückt.

Ulrich Hörnemann

Allez les Bleus! Auf geht’s ihr Blauen! So feuern die Franzosen ihre Equipe bei der Fußball-Europameisterschaft an. Dieter Frieling (Mitte), der Deutsch-Franzose, der gebürtig aus Lette stammt, und seine Ehefrau Corinne (rechts) sehen für die Deutschen schwarz. Doch Roland Frieling (links), Dieters jüngerer Bruder, glaubt an das Team von Jogi Löw. Optimistisch tippt er auf einen knappen 1:0-Sieg. 21 Uhr ist Anstoß. Foto: Foto: Ulrich Hörnemann

Dieter Frieling kommt gebürtig aus Lette. Corinne ist in Plerguer aufgewachsen. Sie haben sich durch die Partnerschaft kennen und lieben gelernt. 1976, als der Sommer knalleheiß war, hat’s geknistert zwischen den beiden. Le coup de foudre – Liebe auf den ersten Blick, raunen les Plerguerrois, wie die Einheimischen in ihrer Landessprache gerufen werden.

Mit einigen Kumpels war Dieter Frieling damals in die Bretagne gedüst, wo die rund 3000 Einwohner kleine Gemeinde im Département Ille-et-Vilaine liegt. „Ich trug kurze Hose auf dem Motorrad“, erinnert er sich an die strapaziöse Tour mit Hitzetemperaturen bis knapp 40 Grad, „da sind dir die Knie weggebrannt.“ Weil zwischen ihm und Corinne die Funken flogen, hielt es den Letteraner nicht mehr lange im Münsterland. „1981 bin ich nach Plerguer gezogen“, schaut Frieling zurück, „2010 habe ich auch die französische Staatsbürgerschaft angenommen.“ Sechs Jahre, von 2014 bis 2020, war er sogar Mitglied im Gemeinderat.

Die Frielings, die drei Kinder haben, Andrea (36), Wolfgang (35) und Barbara (27), leben die deutsche-französische Partnerschaft vor. L’amitié franco-allemande – Dieter und Corinne zeigen, wie es funktioniert. „Nur beim Fußball sind wir nicht einer Meinung“, betont er. „Sonst wohl“, sagt sie, „wenn das Match vorbei ist, haben wir stets was zu feiern.“ Dann stoßen sie mit einem Glas Champagner an: Prost! Auf den deutschen oder den französischen Sieg. Was ist beim Remis? Oui, ja, dann haben beide was zu lachen.

Wer, bitteschön, gewinnt denn heute Abend in der Münchner Allianz-Arena, dem Stadion vom FC Bayern München? L’Allemagne ou la France – Deutschland oder Frankreich? „Ich glaub’, dass wir verlieren.“ Wer ist wir? „Jogi Löw und sein Team“, antwortet der Deutsch-Franzose Dieter Frieling. „Didier Deschamps, Löws Trainerkollege, hat den besten Angriff, den du dir vorstellen kannst: Kylian Mbappé, Antoine Griezmann und nun auch noch Karim Benzéma von Real Madrid.“ Dumm gelaufen, Deutschland! Ihm tun die Abwehrspieler leid. Les pauvres – die Armen! „Wenn Mbappé in vollem Tempo in den Strafraum kurvt, kann ihn keiner bremsen.“ Auch Mats Hummels nicht, den Löw reaktiviert hat, nachdem er ihn selbst vor die Tür gesetzt hatte? „Den Hummels find’ ich gut“, lobt Frieling den Dortmunder Defensivstrategen, „doch gegen Mbappé sieht er uralt aus. So flott ist Hummels auch nicht mehr. Roland Frieling (63), sein jüngerer Bruder, den Dieter mindestens zweimal pro Jahr in Lette im Elternhaus am Hermann-Löns-Weg besucht, protestiert aufs heftigste. „Natürlich steht der Jogi unter Druck! Deshalb hat er auch die alten Kameraden zurückgeholt: Thomas Müller und Mats Hummels“, bemerkt er mit Fußball-Sachverstand, „unsere Mannschaft ist durch ihre Hereinnahme viel agiler und gefestigter, wie die Testspiele bewiesen haben. Da ist jetzt mehr Zug drin.“ Drum tippt er auf ein 1:0 pro Deutschland. Seine klare Ansage: „Müller schießt das Tor!“ Bruder Dieter hält dagegen: „2:1 für Frankreich. Griezmann und Mbappé treffen, Ehrentor Müller.“ Roland kann sich ein Grinsen nicht verkneifen: „Was sollst du auch anderes sagen. Nachher hängt der Haussegen schief.“ Und Corinne? Ein wenig verlegen zieht sie die Schultern hoch. „Je ne sais pas“, enthält sie sich, „ich weiß nicht.“ Ihr Herz schlägt für Bleu-Blanc-Rouge, die Farben der Trikolore, die während der Französischen Revolution entstanden ist, als die Farben der Stadt Paris, Blau und Rot, mit dem königlichen Weiß zusammengefügt wurden. Corinne hofft, dass Frankreich, der amtierende Weltmeister, auch den EM-Titel holen wird. Ihr Geheimfavorit ist Spanien, trotz der Corona-Fälle bei den Iberern. Dieter würde auf Frankreich wetten, seine neue Wahlheimat, wenn er wettsüchtig wäre. „Bin ich aber nicht“, betont er, „Didier Deschamps, unser Nationaltrainer, hat ein bärenstarkes Aufgebot.“ Und die Deutschen? „Müssen froh sein, wenn sie weiterkommen“, stapelt Dieter tief, „das ist eine Todesgruppe und alles andere als ein Selbstläufer. Frankreich, dann noch Portugal mit Ronaldo und Ungarn.“ Puh! „Wird heftig“, stöhnt er, „den Letzten beißen die Hunde.“ Er betet, dass die Löw-Auswahl Gruppen-Zweiter wird. Und was ist, wenn Deutschland achtkantig rausfliegt? Wenn Neuer, Hummels, Kimmich, Müller & Co. früh die Koffer packen müssen? „Mon dieu“, klagt er, „mein Gott! Das darf nicht passieren.“ Da würden sie ihn mit Hohn und Spott überschütten, wie 2018 bei der völlig missratenen WM in Russland. „Muss ich nicht nochmal haben“, meint Dieter Frieling, „ich hab’ mich extra mit Fanartikeln eingedeckt.“ Den Bürgermeister von Plerguer, Jean-Luc Beaudoin, will er ein wenig foppen. „Der wird staunen, wenn ich mit Deutschland-Hut aufkreuze.“ Monsieur le maire, wie der erste Bürger genannt wird, muss sich auf einen topgekleideten Deutsch-Franzosen einstellen. Schwarz-Rot-Gold ist Trumpf!Frieling hat sich eingedeckt: mit Hut, Fahne und Kranz. Fürs Foto-Shooting hat er Bruder Roland die Sachen ausgeliehen. „Krieg ich wieder“, redet er Klartext, „die brauch ich noch.“

Wo sich das Ehepaar Frieling das Topspiel anschauen wird, ob daheim in St. Malo, wo sie mittlerweile wohnen, unweit von Plerguer, oder an anderer Stätte, ist noch unklar. „Am liebsten im L’Escale, wenn das erlaubt ist wegen Corona“, antwortet er. „L’Escale ist ein Hotel mit Restaurant. Da werden sonst die Spiele auf einem großen Bildschirm auf der Terrasse gezeigt.“ In dem Haus in der Rue de la Montre wird Fußball großgeschrieben. „Julien Stéphan ist der Schwiegersohn des Hotelbesitzers und der Filius von Guy Stéphan.“ Stéphan junior ist Coach bei Racing Straßburg, Tabellen-15. der Ligue 1, und Stéphan senior ist gestern aus Clairefontaine, wo die Equipe Tricolore ihr Quartier für die EM-Vorbereitung aufgeschlagen hat, nach München gereist. „Guy Stéphan ist Co-Trainer von Didier Deschamps“, klärt er auf, „den kann man gar nicht übersehen, der hat eine Vollglatze.“ Wie Fabien Barthez, der einstige Klasse-Keeper, der mit Frankreich 1998 Weltmeister und 2000 Europameister wurde. Dieter Frieling ist ein wandelndes Fußball-Lexikon. Er weiß alles! „Fast alles“, fügt der agile Sechziger hinzu und muss ein wenig schmunzeln: „Wo die Deutschen landen, kann ich allerdings nicht vorhersagen.“ Prophetische Gaben hat er nicht. „Sonst“, scherzt er, „würde ich mir mit Fußballwetten eine goldene Nase verdienen.“

Riesengroß ist seine Vorfreude auf die Europameisterschaft 2021! Dieter und Corinne Frieling werden sich so manches Match ansehen. Entweder im L’Escale oder in den eigenen vier Wänden in der Hafenstadt Saint-Malo, eine der Touristen-Attraktionen in der Bretagne. Roland Frieling wird mit Andrea Menze die EM verfolgen. Sie ist Fan von Mats Hummels, Schwarm aller Frauen. „Weil Hummels so gut aussieht! Da muss ich verdammt noch mal aufpassen“, scherzt Roland Frieling, von dem die Leute in Lette oft genug wissen wollen, ob der Dieter eines nicht mehr fernen Tages zurückkommen werde. „Warum sollte er das tun, erzähle ich ihnen dann, ihr müsst mal nach Saint-Malo fahren“, erklärt er den neugierigen Fragestellern, „Dieter geht’s dort super: Der schippert mit seinem Segelboot den Strand entlang, oder er sitzt urgemütlich mit einem Baguette und einem schönen Glas Rotwein in seinem Garten und blickt aufs Meer hinaus.“

Als Roland Frieling locker-flockig losplaudert, lächelt Bruder Dieter in die tief stehende Sonne. „C’est la vie française“, sagt der Fußball-Fachmann frohgelaunt, „das ist der französische Lebensstil.“ Ihm geht’s pudelwohl! Das ist sicher, ça c’est sûr. Mit einer liebevollen Frau an seiner Seite und drei gesunden Kindern lebt er wie Gott in Frankreich.

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