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Auf Jogi folgt Hansi: Flick wird Bundestrainer

Joachim Löw und Oliver Bierhoff können sich ganz auf die Fußball-EM konzentrieren. Der Bundestrainer-Posten ist mit Hansi Flick für die Zeit nach dem Sommerturnier wunschgemäß besetzt.

dpa

Flick (2.v.l) mit DFB-Schatzmeister Stephan Osnabrügge DFB-Vize Peter Peters, DFB-Direktor Oliver Bierhoff und DFB-Vize Rainer Koch (l-r). Foto: Vera Loitzsch

Frankfurt/Main (dpa) - Jogi geht, Hansi kommt! Gerade rechtzeitig vor dem Start in die heiße EM-Vorbereitung ist die Bundestrainer-Frage für die Zeit nach der Ära von Joachim Löw nun auch offiziell geklärt.

Bayern Münchens Titelsammler Hansi Flick wird neuer Chefcoach der Fußball-Nationalmannschaft und beerbt seinen einstigen Vorgesetzten und Weltmeister-Trainer Löw nach dem EM-Sommer. «Meine Vorfreude ist riesig, denn ich sehe die Klasse der Spieler, gerade auch der jungen Spieler in Deutschland. So haben wir allen Grund, die kommenden Turniere, zum Beispiel die Heim-EM 2024, mit Optimismus anzugehen», sagte Flick nach seiner Unterschrift unter seinen Dreijahresvertrag in Frankfurt.

Bierhoff von Flick voll überzeugt

Auch Verbandsdirektor Oliver Bierhoff hatte in der DFB-Zentrale Grund zum Strahlen. Gut drei Monate nach der Rücktrittsankündigung von Löw lief die Klärung der Top-Personalie genau nach seinem Geschmack. Der Wunschkandidat hat unterschrieben. Am Freitag kann der DFB in Seefeld in Tirol noch einmal mit Löw unbelastet von allen Zukunftsdebatten ins EM-Trainingslager starten. «Es war für mich wichtig, noch vor Beginn der Europameisterschaft Klarheit zu schaffen. Wir haben ein großes gemeinsames Ziel: zurück an die Weltspitze», sagte Bierhoff.

Flick gestand, dass er nur drei Tage nach der siebten und letzten Titelparty mit dem FC Bayern auch noch Abstand von seiner historisch erfolgreichen Zeit in München gewinnen muss. «Es ging jetzt doch alles auch für mich überraschend schnell mit der Unterschrift, aber ich bin sehr glücklich, ab dem Herbst als Bundestrainer tätig sein zu dürfen. Die Saison ist gerade abgeschlossen, und die zwei Jahre bei Bayern München wirken bei mir noch stark nach», sagte der 56-Jährige.

Eine erste Auszeit wird nur kurz sein. Schon in drei Wochen wird Flick seine künftigen Nationalspieler mit dem starken Bayern-Block um Kapitän Manuel Neuer, Joshua Kimmich und DFB-Rückkehrer Thomas Müller bei der EM live begutachten. «Ich drücke uns allen die Daumen. Das erste Spiel gegen Frankreich werde ich mir in München angucken», sagte er. «Ich freue mich auf dieses Spiel», sagte Flick.

Die Weichen für die Zukunft will Flick dann nach dem Turnier stellen. Auch die Frage nach seinem Team und seinen Assistenten blieb noch unbeantwortet. Den Bayern wird der Abschied ihres Erfolgstrainers wohl mit einem lukrativen Kompensationsspiel erträglich gemacht. Mit dem DFB habe man sich auf eine «smarte Geste» verständigt, verriet Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge bereits.

Topclubs sollen Interesse gezeigt haben

Die Entscheidung pro Flick kam nicht mehr überraschend. Zuletzt ging es vornehmlich um vertragliche Details. Nach den Bayern-Erfolgen soll der künftige Bundestrainer aber auch bei europäischen Topclubs wie dem FC Barcelona oder Tottenham Hotspur ein Kandidat gewesen sein. Der Bundestrainer-Posten hatte für Flick aber immer Priorität. Er ist der elfte DFB-Coach seit 1926 und der siebte, der zuvor schon einmal als Assistent des Bundestrainers gearbeitet hat.

Der DFB setzt somit - wenn auch mit zeitlicher Verzögerung - eine gewisse Tradition fort. Wie groß das Signal zum Neuanfang nach den zuletzt von vielen Fans als zäh empfundenen letzten Löw-Jahren sein wird, muss Flick beweisen. Die Aufgabe zum neuen Team-Building Richtung Heim-EM 2024 stellt sich für ihn wie für seinen Vorgänger. Vermutlich wird auch er entscheiden müssen, wann die DFB-Karrieren von Ex-Weltmeistern wie den zurückgeholten Thomas Müller und Mats Hummels und dann auch von Toni Kroos oder Manuel Neuer einmal enden.

Seine besondere Beziehung zum DFB hatte Flick zuletzt mehrfach betont. 2006 machte ihn Löw nach dem WM-Sommermärchen und der eigenen Beförderung zum Bundestrainer zu seinem Assistenten. Bereits einmal stand Flick als verantwortlicher Coach bei einem wichtigen Länderspiel an der Seitenlinie. Als Löw im EM-Viertelfinale 2008 von der UEFA gesperrt war, gewann die Nationalmannschaft mit ihm als Aushilfscoach in Basel 3:2 gegen Portugal.

In der WM-Qualifikation unter Druck

Die ersten Länderspiele als richtiger Chef stehen für Flick nun mit einem Dreierpack in sechs Tagen in der WM-Qualifikation vom 2. bis 8. September gegen Liechtenstein, Armenien und Island an. Es folgen in diesem Jahr noch je zwei weitere Pflichtspiele im Oktober und November. Zeit zum Experimentieren hat Flick nicht. In der Gruppe J ist die DFB-Auswahl auf dem Weg nach Katar 2022 nach der peinlichen 1:2-Niederlage gegen Nordmazedonien nur Tabellendritter. Lediglich der Gruppensieger qualifiziert sich direkt. Der Gruppenzweite muss in zwei schwierige Playoff-Runden. Das wird Flick vermeiden wollen.

Flick begleitete Löw als Assistent bis zum WM-Triumph 2014 in Brasilien, an dem er als taktischer Ideengeber maßgeblich beteiligt war. Dann stieg er beim DFB zum Sportdirektor auf. 2017 verließ der ehemalige Bayern-Profi überraschend den Verband, um sich eine Auszeit zu nehmen. Ein halbes Jahr später wurde er Geschäftsführer bei der TSG Hoffenheim - das Projekt währte aber nur einige Monate.

Beim FC Bayern stieg Flick 2019 nach längerer Pause als Co-Trainer von Niko Kovac wieder ein und wurde nach dem Aus des Kroaten zunächst Interimschef. Die Starspieler um Müller und Kimmich blühten unter ihm sportlich auf. Flick schrieb eine ungeahnte Erfolgsgeschichte mit sieben Titeln in 18 Monaten - darunter der Champions-League-Triumph 2020 in Lissabon.

Als Löw seinen Rückzug nach der EM angekündigte, war Flick sofort der logische Kandidat. Offizielle Gespräche durften wegen des bestehenden Bayern-Vertrages bis 2023 nicht geführt werden, doch Flick selbst schaffte Fakten und bat im April nach dem Königsklassen-Aus bei Paris Saint-Germain und dem folgenden Sieg gegen den VfL Wolfsburg um Freigabe bei den Bayern. Der Sextuple-Trainer war auch entnervt vom Machtkampf mit Sportvorstand Hasan Salihamidzic. In Bierhoff hat er nun einen altvertrauten, wohlgesonnenen Begleiter an seiner Seite.

Die Trainer der deutschen Fußball-Nationalmannschaft

• 1926-1936 Otto Nerz

• 1936-1964 Sepp Herberger

• 1964-1978 Helmut Schön

• 1978-1984 Jupp Derwall

• 1984-1990 Franz Beckenbauer

• 1990-1998 Berti Vogts

• 1998-2000 Erich Ribbeck

• 2000-2004 Rudi Völler

• 2004-2006 Jürgen Klinsmann

• seit 2006 Joachim Löw

• ab Juli 2021 Hansi Flick

© dpa-infocom, dpa:210525-99-731986/7

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