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Fußball: Naima Trovato wagt Sprung aus SV-Talentschmiede

„Frau Müller“ stürmt in die Bundesliga

Gescher. Ihren Spitznamen bekam sie schnell verpasst, nachdem sie ihre ersten Spiele bestritten hatte. „Frau Müller“, lacht ihre erste Trainerin Ulla Schlüter mit Blick auf Naima Trovato. In Anlehnung an Bayern-Spieler Thomas Müller – „weil sie genau wie er überall auf dem Platz unterwegs ist.“ Jahrelang bei den Mädchen und Jungen des SV Gescher, künftig in der Jugend-Bundesliga: Die 14-Jährige wird ab der neuen Saison für die U 17-Juniorinnen des SSV Rhade auflaufen und bekommt es dann mit Gegnern wie 1. FC Köln oder Borussia Mönchengladbach zu tun.

Frank Wittenberg

Sie weiß mit dem Ball umzugehen: Naima Trovato, Talent des SV Gescher, spielt künftig in der Juniorinnen-Bundesliga. Fotos: fw Foto: az

Dass sie in Zukunft auf eine so hervorragende Spielerin verzichten müssen, stimmt sie natürlich etwas traurig. Aber viel mehr überwiegt der Stolz bei den Verantwortlichen des SV Gescher. „Es ist doch toll, wenn jemand aus unserer Talentschmiede diese Chance bekommt“, sagt Ralf Rottmann, Leiter Kinder- und Jugendfußball im Verein. „Das zeigt auch, wie gut wir im Mädchenfußball aufgestellt sind.“ Rund 80 Mädels kicken im SV-Trikot, weitere stehen auf der Warteliste – die gesamte Jugendabteilung wächst weiter. Und dort wird hervorragende Arbeit geleistet, wie die Entwicklung von Naima zeigt. „Das alles funktioniert bei uns nur über die Ehrenamtlichen“, hofft Rottmann darauf, auch in Zukunft auf diese Unterstützung setzen zu können – gerne auch von Neulingen.

Talent bringt sie mit, das war ihren Eltern Renate und Daniel schon früh klar. „Sie hatte schon mit drei oder vier Jahren einen strammen Schuss“, lächelt Naimas Mutter. Auch Ulla Schlüter war von den Qualitäten der kleinen Fußballerin schnell überzeugt, nachdem sie sie nach einem Schnuppertraining in der Grundschule im zarten Alter von sieben Jahren in die SV-Mädchenmannschaft gelotst hatte: „Wenn Naima den Ball am Fuß hatte, mussten die andere erstmal sehen, wie sie da wieder heran kamen.“

Alle Mädchenteams hat die Achtklässlerin durchlaufen. „Meistens im Mittelfeld, gerne auf der Sechserposition.“ Seit zwei Jahren spielt sie auch parallel bei den Jungs mit. Weil sie gerne noch mehr gefordert werden wollte – „und weil das in der Kreisauswahl und Westfalenauswahl auch empfohlen wurde“, erzählt Daniel Trovato. In der C II wurde sie mit offenen Armen empfangen, wobei Trainer Tim Hermeler gespannt war, wie sie sich als einziges Mädchen unter 15 Jungs durchschlägt und integriert. „Das war ein voller Erfolg“, lobt er Naima. „Sie hat das super gemacht und sich einen Stammplatz erkämpft.“ Parallel lief die Gesamtschülerin auch für die U 15-Mädchen des SV auf, wenn es passte.

Zumindest bis Oktober. Dann kam der sportliche Lockdown und damit ein mächtiger Einschnitt für die 14-Jährige. Immerhin: Workout, Techniktraining, Laufeinheiten – gleich drei Angebote in der Woche machten Hermeler und Co., um die lange Zeit sinnvoll zu überbrücken: „Kompliment an die Mannschaft, alle haben super mitgezogen“, freut sich der Trainer. Und sonst? „Im Garten haben ich mal gegen den Ball getreten“, zuckt Naima mit den Schultern. Aber das alles ist natürlich kein Vergleich zum normalen Trainings- und Spielbetrieb, der hoffentlich bald wieder anlaufen kann. „Auch in der Kreisauswahl hätten einige interessante Turniere stattgefunden“, bedauert Renate Trovato. „Aber das ging von 100 auf null.“

Bald soll es wieder zur Sache gehen – und wie. Als die Anfrage von Dieter Müssner, dem Leiter Mädchenfußball beim SSV Rhade, kam, ob sie sich vorstellen könnte, künftig in der Juniorinnen-Bundesliga mitzumischen, musste Naima nicht lange überlegen. Natürlich fällt ihr der Abschied von „ihrem“ SV Gescher nicht leicht, aber am Ehrgeiz hat es ihr noch nie gefehlt. In der U 17-Bundesliga West/Südwest heißen die Gegner demnächst Bayer Leverkusen, 1. FC Köln oder 1. FC Saarbrücken – weite Auswärtsfahrten inklusive. „Drei Trainingseinheiten in der Woche plus ein Spiel am Wochenende“, beschreibt die 14-Jährige ihr künftiges Pensum unter der Leitung von Helge Bruns (Wüllen). Ein Aufwand, den sie durch die zusätzlichen Trainings mit der Kreisauswahl bereits kennt. Auch auf ihre Eltern kommt mehr Einsatz zu, „aber wir werden da zum Beispiel teilweise mit Fahrdienst durch den SSV Rhade unterstützt“, berichtet Daniel Trovato. Die Schule, da ist sich Renate Trovato sicher, wird darunter nicht leiden.

Jetzt warten sie gespannt darauf, dass die Inzidenzen im Kreis Recklinghausen den Trainingsstart zulassen. „Möglichst noch vor den Sommerferien“, hofft Naima Trovato, die sich im SSV-Kader durchsetzen und viele Spielanteile sammeln will. Und sie möchte beweisen, warum Ulla Schlüter sie mit der brasilianischen Rekordspielerin Marta verglichen oder als besagte „Frau Müller“ bezeichnet hat – die Spielern, die überall unterwegs ist, künftig auch in der Bundesliga.

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