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Auf dem Sportplatz geht’s zur Sache

Jenny Wehmschulte drückt aufs Tempo

GeschER. Die Sonne steht fast senkrecht über dem Sportpark „Sentruper Höhe“ und wirft kurze, harte Schatten auf den grünen Rasen. Die Temperaturen im Westen von Münster sind leichtfüßig auf 15 Grad angestiegen. Jenny Wehmschulte hält die Nase in den Wind und lächelt zufrieden. „Das Wetter ist gut“, sagt er, „da hatten wir im Januar schon andere Temperaturen.“ Markus Jürgens, Lauf- und Lebenspartner, stimmt ihr zu: „Da kommt Freude auf.“

Ulrich Hörnemann

Eingespieltes Duo: Jenny Wehmschulte und Markus Jürgens beim Training auf der Sentruper Höhe in Münster. Foto: az

Die Luft ist klar, die Farben der Bäume sind kräftig, als beide ihre Bahnen drehen auf der roten Kunststoffpiste. Nonstop. Ohne Pause. Mit Langarmpulli und Shirt, Short und Radler. Leise dampfen sie vor sich hin, allein mit ihrer Atemfahne, ihrem Rhythmus und ihrer Vorgabe, das hohe Tempo zu halten.

Ein altes Ehepaar, das im nahen Park flaniert, sieht einmal hin und noch ein zweites Mal. Der Eindruck bleibt. Dann verweilen er und sie für einen Moment, spähen neugierig durch den Maschenzaun. Ist das ein Spuk? Oder eine Halluzination? Der Mann mit dem graumelierten Haar staunt Bauklötze, die Mundwinkel klappen ihm herunter. „Schau nur“, entfährt es ihm, „der läuft ja rückwärts.“ Seine Frau nickt und schüttelt den Kopf. „Gibt’s doch gar nicht“, wundert sie sich: „Wie geht das denn?“

Jenny Wehmschulte kann sich ein leises Schmunzeln nicht verkneifen. „Das ist schon lustig, wie die Leute reagieren.“ Einige werden nervös und blicken nach links, nach rechts, ob nicht irgendwo eine Kamera versteckt ist. Irrtum! Keine Kamera weit und breit. „Manchmal rennen wir auch von zu Hause los“, erzählt er, „da kann es auch passieren, dass wir angeschaut werden wie zwei Außerirdische.“

Mit Jenny Wehmschulte wohnt der Rückwärtsläufer in der Wollbecker Straße, eine der ältesten Ausfallstraßen in Münster City, wo immer viel Verkehr ist und viele Menschen sind. „Erwachsene reißen gern Witze, wagen es aber nicht, mitzulaufen. Kinder sind offener, spontaner und probieren es direkt aus“, beschreibt die Pädagogin der Gesamtschule Gescher ihre Erfahrungen. „Sie sind halt begeisterungsfähiger“, bestätigt er.

Wenn sie nicht auf dem Sportplatz sind, wo Jenny Wehmschulte und MarKus Jürgens regelmäßig Tempo bolzen, trainieren sie vorzugsweise am Dortmund-Ems-Kanal, eine künstliche Wasserstraße vom Ruhrgebiet bis zur Nordsee. Auf rund 350 Kilometern wurde zum 100. Geburtstag des Kanals anno 1999 ein Radfernweg eröffnet, der längs des Kanals von Dortmund bis nach Norden-Norddeich führt. „Dort geht es fortwährend geradeaus. Das ist ideal“, preist sie die Vorzüge dieser Route. „Oft sind wir auch auf der Promenade“, nennt Wehmschulte eine weitere Möglichkeit, „die ist aber stets proppevoll.“ Die autofreie Promenade, die sich wie ein Ring um die mittelalterliche Stadt Münster legt, ist ein 4.500 Meter langes Asphaltband, das auf dem Mittelstreifen den „Leezen“ vorbehalten ist, wie die Fahrräder in Münster heißen, während die beiden schmaleren Bereiche an den Seiten Fußwege darstellen. „Wenn die Fahrradfahrer brettern wie im Schnellverkehr, kann das sehr, sehr gefährlich werden“, weiß Wehmschulte, „da muss man höllisch aufpassen.“

Am Aasee, einem Erholungsgebiet mit Parkbänken und Rasenflächen, die zum Picknicken und Sonnenbaden einladen, sind beide auch regelmäßig unterwegs – und müssen Slalom laufen. Oder sie absolvieren ihre Runden auf dem Kurs um den Allwetterzoo, mit mehr als 600.00 Besuchern eine der Hauptattraktionen der Region. Auch da ist immer der Bär los.

Wann immer es möglich ist, laufen sie zusammen, um sich gegenseitig zu unterstützen, er rückwärts, sie vorwärts, oder umgekehrt. „Aus Einzelsport wird Teamsport“, betont Markus Jürgens. „Wenn ich rückwärts laufe, gibt Jenny mir Hinweise, worauf ich achten muss. Was bei mir links ist, ist für sie dann rechts. Hört sich kompliziert an, ist aber total easy. Und wenn das mal nicht klappt, machen wir’s zusätzlich mit Handzeichen, das heißt, dass wir dann nicht nur ansagen, sondern auch anzeigen.“ Wer nach vorn schaut, hat’s leichter.

Jenny Wehmschulte ist sein Navi. Oder umgekehrt: Dann gibt MarKus die Kommandos und die Richtung vor. Und was ist, wenn er ausnahmsweise keine Zeit hat? Rennt sie dann mit Rückspiegel? „Nein, nein“, lacht Jenny Wehmschulte, „dann such’ ich mir solche Strecken aus, die ich unzählige Male gelaufen bin.“ Das verleiht ihr ein Gefühl der Sicherheit. „Da muss mich keiner warnen, dass ein Schlagloch kommt“, erklärt sie. „Zudem wähle ich die Straßen so, dass ich viele Geradeaus-Passagen habe und mich an der Bordsteinkante oder der Pflasterung orientieren kann, damit ich mich nicht so oft umdrehen muss.“ Dann kann es auch mal sein, dass sie 200 Meter läuft, ohne zu kontrollieren, ob hinter ihr ein Hindernis auftaucht. „Es ist ein tolles Gefühl, sich so darauf einlassen zu können, dass man keine Angst hat beim Rückwärtslaufen“, bemerkt sie. „Am Anfang war das noch eine riesige Überwindung, weil man nicht sieht, was hinter einem ist. Inzwischen habe ich gelernt, mit den Ohren zu sehen.“ Wenn Markus dabei ist, ist es natürlich schöner. „Dann macht’s doppelt so viel Spaß.“ Sie sind ein eingespieltes Duo, das sich blind versteht.

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