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Reiten: Klaus Reinachers Erfolgspferd Rokoko ist bereits stolze 35 Jahre alt

Ein Herz und eine Seele

Osterwick

Es ist schlicht ein Gefühl. Eben nicht logisch zu erklären – einfach eine spezielle Beziehung von der ersten Minute an. „Sie kam immer wieder zu mir“, lächelt Klaus Reinacher über die erste Begegnung mit „seiner“ Rokoko. Sie ist ein strammes Pferd, ja, aber keines, das außergewöhnlich elegant daher kommt. Und doch spürt Reinacher: „Das wird etwas!“ Dieser Eindruck soll ihn nicht täuschen: Mit Rokoko legt er zahlreiche Siege hin, schafft unter anderem Platzierungen im Hamburger Derby – und pflegt noch heute ein inniges Verhältnis zur mittlerweile 35-jährigen Stute.

Von Frank Wittenberg

Spektakuläres Erlebnis: Beim Hamburger Derby 1994 vor toller Zuschauerkulisse legen Klaus Reinacher und Rokoko einen prima Umlauf hin und schaffen eine vordere Platzierung. Foto: Fotos: privat

35, nein, die Zahl ist nicht falsch. Für ein Großpferd ist das ein biblisches Alter. „20 bis 25 Jahre, das ist normal“, sagt der Osterwicker, der sich schon zeit seines Lebens intensiv mit Pferden beschäftigt. Aber 35? „Ich kann meiner Stute noch Leckerlis geben, mit der ich vor 27 Jahren in Hamburg geritten bin“, lacht Reinacher. „Wer darf das schon von sich behaupten?“

Die Erfolgsstory beginnt vor 31 Jahren mit der ersten Begegnung bei Züchter Hermann Ostendarp. Es ist dieses Gefühl, ein ganz spezielles Pferd vor sich zu haben. Keines für die ganz große Gala. „In Springprüfungen hat Rokoko nie so gute Noten bekommen“, erzählt Klaus Reinacher. Der Galopp sieht nicht so elegant wie bei anderen Pferden aus, die Sprünge wirken nicht so spektakulär, die Beine sind nicht so exakt angewinkelt wie gefordert. Und doch übernimmt er Rokoko nach einem Schlückchen Wein – ohne den üblichen Gesundheits-TÜV, einfach aus dem Gefühl heraus.

Gut drei Jahre später geht Reinacher mit dem nun siebenjährigen Pferd auf die Nachwuchstour, qualifiziert sich in Münster für das S-Springen – und legt in dieser hohen Kategorie noch in diesem Jahr fünf Siege hin. Kurz darauf überlegt er sich auf dem Weg zum Hallenturnier in Marbach spontan, mit Rokoko die „Große Tour“ auszuprobieren. „Ich habe gespürt, dass sie gut drauf ist“, sagt der heute 67-Jährige. Und siehe da: Am Ende steht das Duo ganz oben in der Siegerliste.

Auf den Willen kommt es an, wie so oft im Sport. „Wenn Rokoko die Sprünge sah, wollte sie einfach darüber“, charakterisiert der Osterwicker sein Pferd, mit dem er ein neues Ziel ins Auge fasst: Warum nicht das berühmte Hamburger Derby probieren? „Mit diesem Mut müsste es doch klappen.“

Und wieder täuscht ihn sein Gefühl nicht, auch wenn Rokoko im Training zunächst mächtige Probleme mit einem Sprung hat, der hinter dem Hindernis nach unten abfällt. „Also haben wir es erst andersherum versucht und sind von hinten nach oben gesprungen“, blickt Klaus Reinacher zurück. Als das sitzt, probieren sie es wieder abwärts – und das klappt: „Rokoko hat eben schnell gelernt.“ Das zahlt sich aus: Im Derby 1994 schafft das Paar in der ersten Qualifikation Platz fünf, in der zweiten „Quali“ mit Stechen sogar Rang zwei. Im Derby sind Reinacher und Rokoko dann mit zwei Fehlern platziert. Ein Jahr später schaffen sie in der Qualifikation sogar den Sieg, im Derby selbst verletzt sich die Stute aber leicht. Trotzdem: „Hamburg war ein außergewöhnliches Erlebnis.“

Am Ende stehen 50 Siege in S-Springen in der Vita des Pferdes, dazu zwei Siege und zwei Platzierungen auf der Olympia-Anlage in Barcelona oder vordere Platzierungen in Madrid und Lissabon, als es mit 16 Jahren in den sportlichen Ruhestand verabschiedet wird. Für die Reinachers bleibt es aber eine besondere Beziehung. Rokoko bleibt in Osterwick, und das nicht in der Box oder auf der Weide, sondern auf dem Hof. „Sie wollte immer frei im Garten herumlaufen“, erzählt der 67-Jährige. „Die Kinder konnten jederzeit mit ihr spielen oder auf ihr reiten.“

Und auch sie entwickeln ein besonderes Gefühl für Rokoko. So kommt eines Tages Tochter Lisa angelaufen und versichert: „Rokoko möchte los!“ Klaus Reinacher macht sich auf den Weg nach Riesenbeck, packt seine Tochter ins Auto, damit sie sich um das Abreiten kümmern kann – und feiert am Ende einen weiteren Sieg. „Das“, lächelt er rückblickend, „war noch einmal ein ganz besonderes Erlebnis.“

Rokoko bekommt zwei Fohlen und wird mit 20 Jahren zur guten Pflege an eine Familie im Ruhrgebiet gegeben, wo Klaus Reinacher sie auch weiterhin regelmäßig besucht. Mittlerweile ist die Stute in Dortmund-Barop untergebracht und weiß auch mit 35 Jahren genau, wer da mit einem Eimer Leckerlis vor ihr steht. „Sie kriecht mir dann fast in die Tasche“, zeigt sich der Osterwicker gerührt. 27 Jahre nach dem Hamburger Derby sind sie noch immer wie ein herz und eine Seele. Oder, wie Klaus Reinacher es ausdrückt: „Rokoko ist vom Charakter her ein einmaliges Pferd.“

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