Aggressiver Virus

Alptraum tote Fohlen: «Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit»

Ohne es zu ahnen, bringt der Reiter Sven Schlüsselburg die tödliche Gefahr aus Spanien mit auf die heimische Anlage. Dort erlebt er mit seiner Familie ein mehrwöchiges Drama. Beim Kampf auf Leben und Tod seiner Pferde erleidet er schlimme Verluste.

dpa

Ist auf seinem Hof besonders vom Pferde-Herpes betroffen: Springreiter Sven Schlüsselburg. Foto: Uwe Anspach

Berlin (dpa) - Auf der Rückfahrt von Valencia ahnte Sven Schlüsselburg noch nichts von dem Alptraum, der auf ihn wartete. In seinem Pferdetransporter brachte der Reiter unwissentlich das tödliche Virus mit nach Hause.

Statt des späten Starts in eine internationale Karriere erlebte der 39-Jährige die schlimmsten Tage seines Lebens. Acht tote Tiere lautet bisher Schlüsselburgs Bilanz des Herpes-Schreckens: «Hinter meinem Team und meiner Familie liegen Wochen der Schlaflosigkeit und der Verzweiflung.»

Nach seinen letzten Ritten am 12. Februar verließ Schlüsselburg eine weiter laufende Turnierserie in Spanien mit acht Pferden und «mit einem super Gefühl», wie er bei Instagram schrieb. Nach einem Zwischenstopp daheim im baden-württembergischen Ilsfeld reiste der Nationenpreisreiter mit zwei Tieren weiter nach Doha. Dort sollte er erstmals bei der Millionen-Serie Global Champions Tour reiten dürfen. Der Spätstarter im internationalen Spitzensport wollte sich mit seinem Toppferd Bud Spencer für die Olympischen Spiele empfehlen. Doch es kam ganz anders.

In Katars Hauptstadt gab es nach ein paar Tagen positive Herpes-Tests bei Schlüsselburgs Pferden Bud Spencer und Nascari, und auch zu Hause in Ilsfeld bereitete sich die vom Weltverband FEI als besonders aggressiv eingestufte Valencia-Variante des Virus aus. Der Kampf auf Leben und Tod begann.

«Wir sind alle komplett an der Grenze», berichtete seine Frau Romina Schlüsselburg der «Heilbronner Stimme». «Es ist schrecklich anzusehen.» Von 60 Pferden auf der Anlage seien 21 positiv. Der Ehemann sagte der Zeitung: «Wir sind traurig, bangen weiterhin um unsere Pferde.»

Besonders heimtückisch ist das Virus bei schwangeren Pferden. Sechs seiner neun «gedeckten Stuten haben verfohlt», wie es Schlüsselburg in der Fachsprache ausdrückt. Die Fohlen starben also vor oder kurz nach der Geburt. Acht tote Tiere insgesamt beklagt der 39-Jährige, mehr als jeder andere. Sechs tote Pferde anderer Reiter hat die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) bislang gezählt.

Schlüsselburg berichtete von herzerweichenden Szenen in seinem Stall: «Ein Fohlen kam lebend zur Welt und hat etwa drei Minuten gelebt. Wir haben es in der Zeit gestreichelt und gewartet. Das einzige, das wir tun konnten.» Bundestrainer Otto Becker, der im ständigen Kontakt mit dem Reiter ist, sagte: «Ich konnte mir vorher nicht vorstellen, was da passiert ist.»

Schlüsselburg und sein Bud Spencer gehörten für Becker seit guten Runden im Nationalteam und dem achten Platz im Großen Preis des CHIO in Aachen vor zwei Jahren zum Kreis der Olympia-Kandidaten. Daran ist jetzt nicht zu denken. «Er hat jetzt ganz andere Probleme», sagte der Bundestrainer. Es müsse «erstmal Ruhe einkehren».

Immerhin, Schlüsselburgs Toppferd geht es trotz zwischenzeitlicher Infektion in Doha gut. Der Verlauf der Krankheit war bei Bud Spencer sehr mild. Der Wallach wird wie die Stute Nascari inzwischen von Schlüsselburgs Schwester Gabriela in der dreiwöchigen Quarantäne in Doha betreut.

© dpa-infocom, dpa:210316-99-840455/4

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