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Sportausschuss-Vorsitzende

Kandidatenkarussell: Sport-Deutschland sucht neue Führung

Frankfurt/Main (dpa)

Die Debatte um einen Nachfolger für DOSB-Präsident Alfons Hörmann und einen grundlegenden Wandel im deutschen Sport ist im vollen Gange. Als Topkandidat für das höchste Sportamt gilt Thomas Weikert.

Von Andreas Schirmer und Claas Hennig, dpa

Alfons Hörmann hört als Präsident vom Deutschen Olympischen Sportbund auf. Foto: Michael Kappeler/dpa

Sport-Deutschland sucht eine neue Führung. Das Kandidatenkarussell hat bereits Fahrt aufgenommen, wenngleich die Fahndung nach einem Nachfolger von Alfons Hörmann als Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes noch unter dem Siegel «Top Secret» firmiert.

«Ich hätte gerne mehrere Kandidaten», sagte Ingo Weiss, Sprecher der Spitzenverbände und der Steuerungsgruppe, der noch die Vorsitzenden der Landessportbünde und der Verbände für besondere Aufgaben angehörten.

Unter der Ägide dieses Funktionär-Triumvirats werden momentan die Mitglieder für die Findungskommission zur Suche nach einem neuen Präsidenten ausgewählt. Sie soll ihre Arbeit aber erst aufnehmen, wenn am 16. September die Ergebnisse von Arbeitsgruppen vorliegen, die sich mit der Entwicklung von Konzepten, Ideen und Impulsen für die zukünftige Ausrichtung der Sportdachorganisation beschäftigen.

Vakantes Präsidentenamt

«Ich muss sagen, da sind schon gute Vorschläge rausgekommen, die nun in einem Reifeprozess etwas gären müssen», meinte Weiss, der deutsche Basketball-Präsident. Er selbst habe keinen Blick auf das vakante Präsidentenamt geworfen. «Ich will ohne Eigeninteressen den DOSB in ein gutes Fahrwasser bringen», beteuerte er.

Als Nummer eins bei der Kandidatensuche gilt Thomas Weikert. Diese Spitzenposition hat er durch die Ankündigung, im November sein Amt als Tischtennis-Weltpräsident aufzugeben, gestärkt. Der neue DOSB-Chef soll Anfang Dezember gewählt werden. Dass er Interesse an der Nachfolge Hörmanns hat, der wegen seines Führungsstils in die Kritik geraten war, ist in Sportkreisen kein Geheimnis. Der 59 Jahre alte Jurist aus Limburg und Ex-Präsident des Deutschen Tischtennis-Verbandes galt schon vor drei Jahren als Anwärter, als ein paar Spitzenverbände ohne Erfolg gegen Hörmann rebellierten.

«Thomas Weikert wäre keine schlechte Wahl», meinte Clemens Prokop, der mit ihm gemeinsam für ein Anti-Doping-Gesetz in Deutschland gekämpft hat. Der Name des einstigen Leichtathletik-Präsidenten wird ebenfalls bei der Neubesetzung des höchsten Postens im deutschen Sport gehandelt, doch eher ohne sein aktives Zutun. Bedeckt halten sich andere mögliche Anwärter wie DOSB-Vizepräsident und FDP-Politiker Andreas Silbersack, Stefan Klett, Präsident des Landessportbundes Nordrhein-Westfalen, oder LSB-Sprecher Jörg Ammon aus Bayern.

Mehrere mögliche Kandidaten

Im Gespräch und nicht so zugeknöpft wie andere Kandidaten ist Martin Engelhardt. «Ich bin sicher einer der Vielgenannten wie Herr Weikert genauso», sagte der deutsche Triathlon-Präsident der dpa. «Ich bin alt genug. Ich brauche kein Amt mehr, nach dem ich fiebere. Die Welt geht nicht unter, wenn da andere gewählt werden.» Der 61-jährige Sportmediziner gehörte wie Weikert zum Kreis, der gegen Hörmann einen Putsch anzetteln wollte, und der sogar auf der Mitgliederversammlung des DOSB 2018 als Gegenkandidat gegen den Amtsinhaber antrat.

Statt seine Funktionärskarriere mit dem Spitzenposten zu befördern, geht es Engelhardt darum, das festgefahrene DOSB-Schiff wieder auf Erfolgskurs zu bringen. «Es muss doch möglich sein, es irgendwie besser zu machen. Das ist der Antrieb», versicherte er und hofft, «dass man den Mut hat, einen richtigen Wandel hinzubekommen.» Ihm ist aber klar: «Mit einem Präsidenten ist es nicht getan, sondern es muss ein ganzes Führungsteam sein.»

Die Sportausschussvorsitzende im Bundestag plädiert ohnehin für einen umfangreichen Personalwechsel in der DOSB-Spitze. «Es wird aus meiner Sicht nicht anders gehen», sagte Dagmar Freitag. Man könne Hörmann «eben nicht alle Versäumnisse» anlasten. «Das gesamte Präsidium trägt für die Fehlentwicklungen der letzten Jahre Verantwortung, der Vorstand im Übrigen auch. Die zukünftigen Aufgaben sind gewaltig.»

Schwache Olympia-Bilanz

Zu tun gibt es im deutschen Sport genug. Bei den Olympischen Spielen in Tokio gab es mit 37 Medaillen (10 Gold/11 Silber/16 Bronze) so wenige wie seit der Wiedervereinigung nicht mehr. «Ich vermute mal, man muss das ganze Leistungssportsystem auf den Kopf stellen», befand Weikert.

Auf den neuen Mann oder die neue Frau an der DOSB-Spitze kämen noch weitere Reparaturaufgaben zu. Nämlich das «in weiten Teilen belastete Verhältnis zum Hauptsponsor Bund» und das «aktuell zerrüttete Verhältnis zum Internationalen Olympischen Komitee» zu kitten, so SPD-Politikerin Freitag. Ergebnisoffen sei zudem die Frage zu diskutieren, ob der «Gemischtwarenladen DOSB überhaupt in der Lage ist, der Weiterentwicklung der vielen Facetten des Sports in dieser Aufstellung gerecht zu werden.»

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