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Kommentar

Trügerische Kirchenaustrittszahlen: Der Exodus dauert an

Die Kirchenaustrittszahlen 2020 weisen eine trügerische Delle auf. Zwar sank die Zahl der Austritte sowohl in der Katholischen wie Evangelischen Kirche um rund 18 Prozent. Doch ist das laut Experten weitgehend auf die Corona-Epidemie zurückzuführen. Beim Thema Mitgliederschwund in den Kirchen gibt es also keine Entwarnung. Ein Kommentar.

Von Johannes Loy

Foto: dpa

Die Corona-Krise hat 2020 offensichtlich viele Menschen davon abgehalten, ihren Kirchenaustritt zu erklären. Von einer Umkehr der dramatischen Mitgliederentwicklung kann folglich keine Rede sein. Die katholischen wie evangelischen Bischöfe respektive Präsides sind weit davon entfernt, Entwarnung zu geben. Im Gegenteil: Für 2021 dürfte es, wie bereits 2019, zu neuen Rekordzahlen kommen, zumal die anhaltende Vertrauenskrise im Erzbistum Köln und die Debatte um eine umfassende Aufarbeitung sexueller Gewalt anhalten.

Wüssten Theologen, Pädagogen und Katecheten auf den vielen Baustellen im Weinberg des Herrn, wie man dem anhaltenden Auszugstrend wirksam gegensteuern könnte, sie würden es tun. Die üblichen Erklärungsmuster, die immer wieder allein auf Stillstand, römische Querschüsse, mangelnde Reformfähigkeit im Hinblick auf Weiheämter für Frauen oder die Qualität des „Bodenpersonals“ abheben, scheinen jedenfalls zu kurz zu greifen. Zumal ja beide Kirchen unter dem Exodus ihrer Gläubigen leiden.

Eine aktuelle Studie der Evangelischen Kirche zeigt gerade, dass eine innere Distanz zum christlichen Glauben und die Kirchensteuer die entscheidenden Gründe für einen Kirchenaustritt sind. Für den einen ist mithin der Austritt letzte Konsequenz aus einem jahrelangen Entfremdungsprozess. Für den zweiten eine simple Möglichkeit, Steuern zu sparen. Betroffen machen vor allem die Austritte der Engagierten, die sich in Reformprozessen wundgerieben haben.

Gerade im Hinblick auf den gleich großen Mitgliederschwund in der Katholischen wie Evangelischen Kirche lohnt es sich, noch einmal den Begriff der „Gotteskrise“ in die Debatte zu bringen, den der 2019 verstorbene Fundamental-Theologe Johann Baptist Metz häufig verwendete. Will heißen: Vielen Menschen scheint der christliche Glaube an einen gütigen Gott, an Erlösung und Ewiges Leben nicht mehr plausibel. Andererseits: Die Segnungen der rundum sorglos versicherten Wohlstandsgesellschaft erweisen sich gerade in der Corona-Krise als brüchig.

Mit Blick auf die bröckelnde Volkskirche sollte sich niemand eine gesundgeschrumpfte Kleinkirche herbeiträumen. Ein solches Konstrukt stünde in der Gefahr, sich auf Elite-Denken und Fundamentalismen zurückzuziehen. Nicht zuletzt: In den sozialen und ethischen Debatten haben die Kirchen – noch – eine gewichtige Stimme. Darauf sollte die Gesellschaft nicht verzichten.

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