1. www.azonline.de
  2. >
  3. Welt
  4. >
  5. „Die Luft wird immer dünner“

  6. >

Astrid Sahm über den schweren Alltag in Minsk

„Die Luft wird immer dünner“

Dortmund/Minsk

Was passiert gerade wirklich in Belarus? Astrid Sahm hat täglich Kontakt nach Minsk. Die Geschäftsführerin des Internationalen Bildungs- und Begegnungswerks gGmbH (IBB) in Dortmund antwortet leise, angespannt, wägt jedes Wort ab.

Claudia Kramer-Santel

In Belarus sind Proteste kaum möglich. Im Nachbarland Polen gehen dagegen belarussische Bürger auf die Straße. Foto: Imago Images/Eastview

Das hat Gründe und passt zur Dramatik und enormen Unsicherheit vor Ort. Das von IBB Anfang der 1990er Jahre aufgebaute Zentrum „Johannes Rau“ in Minsk ist einer der wenigen Bildungsträger mit deutscher Beteiligung, der derzeit noch in Belarus aktiv ist.

„Wir verstehen uns als Brückenbauer und können uns als ausländischer Akteur nicht in die inneren Angelegenheiten des Landes einmischen.“ Deshalb halte man sich von den Protesten fern. Aber: „Wir versuchen zu deeskalieren, zu versachlichen.“ Außerdem gehe es darum, die wenigen zivilgesellschaftlichen Initiativen, die noch im Land sind, zu unterstützen, beispielsweise Behinderten- und Umweltinitiativen. „Wir wollen helfen, Handlungsspielräume zu erhalten, ohne uns als Aktivisten zu positionieren.“

Ein schwieriger Spagat, der aus ihrer Sicht einigermaßen gelinge – noch. Rund 50 Mitarbeiter aus Belarus sind im Hotel- und Restaurantbetrieb beschäftigt, dazu etwa 15 in der Bildungsarbeit. Dazu gehört auch die Arbeit in Trostenez, dem größten NS-Vernichtungsort in Belarus, wo auch rund 22 000 deutsche Juden ermordet wurden – die neue Gedenkstätte soll zu einem europäischen Lernort entwickelt werden. Aus Deutschland sei ein Mitarbeiter vor Ort, dazu zwei Jugendliche im Sozialdienst aus Österreich. „Sie können nur einen Bruchteil von dem umsetzen, was sie geplant hatten.“

Astrid Sahm IBB Foto: IBB

Astrid Sahm ist wie viele vor Ort besonders enttäuscht, weil „das Land eigentlich auf einem guten Weg schien“. Es gab Solidarität, Aufbruchstimmung. Ergebnis einer Liberalisierungsphase, die viele Initiativen möglich machte. Man merkte es überall: Die staatlichen Akteure wurden flexibler. Umso frustrierender ist der Rückfall: Der Einschnitt kam für sie mit der Covid-19-Pandemie. „Sie wurde von Lukaschenko falsch eingeschätzt.“ Dann begann eine Abwärtsspirale, ihrer Meinung nach genährt durch die Unfähigkeit, die Fehleinschätzung zu korrigieren. Das sei sehr dramatisch und tragisch. „Die Menschen haben geglaubt, etwas verändern zu können und wurden vom Staat gewaltsam in die Schranken gewiesen.“ Das bedeute: „Kein Recht auf freie Wahlen.“

In ihren Ausmaßen sei die aktuelle Krise mit den Folgen der Tschernobyl-Katastrophevergleichbar, die vor 35 Jahren das Ende der Sowjetunion einleitete. „Die Folgen der Pandemie werden wie damals verschwiegen.“ Die wenigen Statistiken zeigten, dass die Pandemie verharmlost werde. Zahlen wirken künstlich gesetzt. Infolge­dessen hat die Gesellschaft das Vertrauen in den Staat verloren.

Wie es weitergeht? „Das weiß niemand. Wir haben eine maximale Eskalation und wenig Ansätze für eine konstruktive Lösung.“ Es gebe eine riesige Abhängigkeit von Russland. „Im Augenblick sieht es so aus, dass es kein Ende der Konfrontation gibt. Denn jede Lockerung würde zu neuen Protesten führen.“ Bis spätestens Januar 2022 müssten Kommunalwahlen stattfinden. Zudem hat die politische Führung ein Verfassungsreferendum angekündigt. Auch deshalb steht sie unter Druck. „Denn Wahlen sehen öffentliche Debatten vor und eröffnen daher Möglichkeiten für eine erneute politische Mobilisierung.“ Würden die Wahlen verschoben, wäre dies ein Zeichen von Schwäche. Ein Dilemma. Ergebnis: „Alle sollen eingeschüchtert, Netzwerkbildungen verhindert werden.“

Jeden Tag telefoniert Astrid Sahm mit Minsk: „Es gibt Höhen, es gibt Tiefen. Insgesamt wird es immer schwerer, trotz der großen Handlungsunsicherheit vor Ort etwas Sinnvolles zu tun. Ich sage es offen: Die Luft wird immer dünner, weil die Akteure im Land immer frustrierter, kraftloser und demotivierter werden.“

Startseite