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Göttliche Komödie

«Dante plus 700» - Italien feiert seinen Nationaldichter

Ravenna (dpa)

Dante Alighieri gilt als der Vater der italienischen Sprache und als Symbol für die Einheit des Landes. Er lebte und starb im Mittelalter, doch sein Werk wird noch heute viel gelesen.

Von Klaus Blume, dpa

Besucher stehen Schlange, um einen Blick in das Mausoleum des italienischen Nationaldichters Dante Alighieri zu werfen. Foto: Klaus Blume/dpa

Dante bekommt dieser Tage viel Besuch. In der nach ihm benannten Altstadtgasse von Ravenna stehen die Menschen an diesem Spätsommervormittag Schlange, um einen Blick in das Mausoleum des italienischen Nationaldichters zu werfen.

Meist sind es Touristen aus anderen Teilen Italiens, die gekommen sind, um den steinernen Sarkophag und das Relief des Poeten im Inneren der Grabkammer zu sehen. Mit der Corona-Maskenpflicht nehmen es die meisten der Besucher recht genau, mit der Ein-Meter-Abstandsregel weniger.

Am 14. September jährt sich zum 700. Mal der Todestag Dante Alighieris. Schon das ganze Jahr feiert Italien den «Sommo Poeta» («Höchsten Dichter»), der mit der «Göttlichen Komödie» ein Jahrtausendwerk schuf. Ausstellungen, Konferenzen und Symposien haben den vor sieben Jahrhunderten verstorbenen Dichter, der als Vater der italienischen Sprache gilt, hochleben lassen.

Und unzählige Dante-Freunde haben aus seinem Epos vorgelesen, das auf 14.000 Zeilen eine abenteuerliche Reise durchs Jenseits schildert, das historische, naturwissenschaftliche und philosophische Wissen seiner Epoche verarbeitet, und das Ganze auch noch mit einer überirdischen Liebesgeschichte verknüpft.

In der alten Kaiserstadt Ravenna an der Adria ist Dante 1321 im Alter von 56 Jahren gestorben, am Ende eines bewegten Lebens. Eigentlich stammte er aus Florenz. Dort wurde der Mann auf der italienischen Zwei-Euro-Münze 1265 geboren, dort schrieb er seine ersten Werke, und dort lernte er auch seine früh verstorbene Jugendliebe Beatrice kennen, die er später in der «Komödie» vergöttlichte.

In Abwesenheit zum Tode verurteilt

In Florenz war Dante auch Kommunalpolitiker. In den Machtkämpfen der damaligen Zeit fand er sich auf der Verliererseite wieder, wurde 1302 aus seiner Heimatstadt verbannt und unter fadenscheinigen Gründen in Abwesenheit zum Tode verurteilt. Den Rest seines Lebens verbrachte er im Exil in norditalienischen Städten, in seinen letzten Lebensjahren fand er freundliche Aufnahme in Ravenna. Dort vollendete er die «Commedia», die er erst in der Verbannung zu schreiben begonnen hatte.

Trotz Heimwehs nach Florenz fühlte er sich anscheinend wohl in Ravenna. Den Pinienwald von Classe südlich der Stadt, wo noch heute der Wind durch die mächtigen Baumkronen rauscht, verglich er in seinem Megagedicht mit dem Eingang zum irdischen Paradies.

Der alte Streit zwischen Florenz und Ravenna, wer nun die eigentliche Dante-Stadt sei, ist längst entschärft. Die bedeutendste Ausstellung des Dante-Jahres unter dem Titel «Dante. La Visione dell'arte» («Dante. Der Blick der Kunst») mit 300 Leihgaben wurde in der zwischen Florenz und Ravenna gelegenen Stadt Forlì gezeigt. Wegen des Corona-Lockdowns konnte sie erst verspätet eröffnet werden.

Hoffnungsbringer in Corona-Zeiten

Schon seit langem gilt Dante als nationale Ikone und als Symbol für die Einheit des Landes. In der Corona-Pandemie wurde er auch als Hoffnungsbringer beschworen, der in seinem Versepos den Weg aus höllischen Tiefen in himmlische Höhen weist.

Dies galt vor allem am «Dantedì», dem erst 2020 eingeführten Dante-Tag am 25. März, der in diesem Jahr zum zweiten Mal in einen Lockdown fiel. Vor ganz kleinem Publikum, darunter Staatspräsident Sergio Mattarella und Kulturminister Dario Franceschini, rezitierte der Schauspieler Roberto Benigni («Das Leben ist schön») im Quirinalspalast in Rom einen der 100 Gesänge der «Göttlichen Komödie» - auswendig, versteht sich.

Schon vor vielen Jahren hatte der Oscar-Preisträger mit seiner phänomenal erfolgreichen Tour «Tutto Dante» durch die Städte des Landes als Rezitator bewiesen, dass sich in Italien mit den Klassikern die Marktplätze füllen lassen.

«Dante ist die Einheit des Landes, Dante ist die italienische Sprache, Dante ist die Idee von Italien selbst», erklärte Minister Franceschini einmal. Entsprechend empfindlich reagieren viele Italiener, wenn jemand an ihrem Denkmal kratzt.

Dies erlebte der Autor und ausgewiesene Italienkenner Arno Widmann, als er zum «Dantedì» 2021 in der «Frankfurter Rundschau» versuchte, dem Dante-Gedenken etwas das Pathos zu nehmen und unter anderem die Frage aufwarf, ob das, was der Säulenheilige schrieb, wirklich eine originäre geistige Leistung war oder er sich eher aus anderen Quellen inspirierte. Politiker von rechts bis links waren in heller Aufregung, von einem «unglaublichen Angriff aus Deutschland» sprach die Tageszeitung «La Repubblica». Am Ende war es ein Sturm im Wasserglas, der sich schnell wieder legte.

Streetart feiert Dante

Dass man sich dem Nationalheiligen durchaus auch von der heiteren Seite nähern kann, hat die Ausstellung «Dante plus 700» gleich neben dem Dante-Mausoleum gezeigt, in der Streetart-Künstler ihrer Phantasie freien Lauf ließen: Dante mit Zigarette im Mund, mit einer Taucherbrille vorm Gesicht, einem Laptop auf dem Schoß oder einem Herzluftballon mit der Aufschrift «Beatrice I love you» in der Hand.

Wenn es Abend wird in Ravenna, dann schlägt die Stunde der Rezitatoren. Um 18 Uhr lesen vor dem Mausoleum Frauen und Männer die gesamte «Göttliche Komödie», je einen Gesang pro Tag, der einhundertste dürfte am 19. Oktober erreicht werden. Die Lektüre wird im Internet übertragen. Etwa zehn Minuten dauert es, einen «Canto» vorzulesen. Danach läutet die kleine Glocke im Park hinter dem Grabmal 13 Mal.

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