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Literatur

Leerer Osten: «Raumfahrer» von Lukas Rietzschel

Leipzig (dpa)

Lukas Rietzschel hat mit seinem Debüt das Scheinwerferlicht auf Ostsachsen gelenkt. Dort spielt auch sein neues Buch «Raumfahrer». Neben Nachwende-Tristesse ist diesmal auch ein berühmter Maler anzutreffen.

Von Birgit Zimmermann, dpa

Mit Lukas Rietzschels neuem Roman «Raumfahrer» kan man in ein unbekanntes Land reisen - nach Ostsachsen. Foto: Miriam Schönbach/dpa-Zentralbild/dpa

Jan Nowak, gute 30 Jahre alt, lebt in Kamenz in Sachsen. Viel weiter östlich reicht Deutschland nicht. Er arbeitet im Krankenhaus, aber das soll bald geschlossen werden.

Und auch sonst ist das Leben von Jan, dem Titelhelden in Lukas Rietzschels neuem Roman «Raumfahrer», geprägt von Verlusten. Die Mutter ist tot, kläglich untergegangen im Alkohol. Der Wohnblock, in dem die Familie früher gelebt hat, ist abgerissen. «30 Jahre Wiedervereinigung und keiner der ehemaligen Nachbarn war wiedergekommen.» In so ein Kamenz nimmt der Roman die Leserinnen und Leser mit.

Aufwachsen in Sachsen

Lukas Rietzschel gelang mit seinem Debüt «Mit der Faust in die Welt schlagen» (2018) ein großer Erfolg. Der 1994 in der Oberlausitz geborene Autor, der heute in Görlitz lebt, gilt als eine der wichtigsten jungen literarischen Stimmen aus dem Osten. Das gefeierte erste Buch thematisierte das Aufwachsen und die Radikalisierung in Ostsachsen nach dem Mauerfall. «Raumfahrer» ist räumlich ganz ähnlich angelegt. Rietzschel spannt darin aber noch einen Bogen zum wohl berühmtesten Maler aus der Region: Georg Baselitz. Die Familien von Jan und Baselitz sind miteinander verknüpft, das ergibt sich Puzzlestück für Puzzlestück beim Lesen des Romans.

«Raumfahrer» ist ein Buch für alle, die sich mit dem Osten Deutschlands auseinandersetzen wollen. Rietzschel trifft einen Ton, der berührt: «Mittlerweile standen sogar schon die Gewerbegebiete und Einkaufszentren leer, die als Allheilmittel vor die Städte auf die grüne Wiese gepflanzt worden waren. Verlängerte Werkbank, da ging es noch gut. Irgendwann Nagelstudios, Handyhüllenläden, Tedi, MäcGeiz, dann lange nichts und schließlich ein Investor, der das kleine Einkaufszentrum vor der Stadt in eine Paintballhalle umnutzen wollte.»

Die Spannung bleibt hoch

Das Buch schildert Schicksale: Das des 1938 als Hans-Georg Kern geborenen Malers, der nach Westberlin übersiedelt und berühmt wird. Das seines jüngeren Bruders Günter, der ihm folgen will, es aber nicht schafft. Die der Familie Nowak. Und wie es bei Lebensläufen mit DDR-Bezug schon fast zwangsläufig ist, kommen Verrat und Lüge, Spionage und die Stasi ins Spiel. Die Kapitel springen in der Zeit vor und zurück. Das kann ermüdend sein, ist es bei Rietzschel aber nicht, weil er es schafft, die Spannung hochzuhalten.

Seltsam blass bleibt bei all dem nur die Figur des Jan. Ob er daran leidet, dass sein Umfeld schon seit seiner Geburt immer weiter zerbröselt? Bleibt unklar. Ob ihn die Erkenntnisse über seine Familie, die er nach und nach gewinnt, bewegen? Lässt sich kaum sagen. Das ist darum befremdlich, weil ein guter Teil des Romans sich um das Hier und Jetzt dreht, um die Leere in Kamenz und in der Gesellschaft, mit der Jan eigentlich umgehen müsste.

Lukas Rietzschel: Raumfahrer, dtv, 288 Seiten, ISBN 978-3-423-28295-6 Hardcover 22,00 Euro

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