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«Achtung Lebensgefahr! LGBT in Tschetschenien» auf Arte

Sie fürchten mitunter um ihr Leben, werden gefoltert oder sogar getötet: Homosexuelle in Tschetschenien. In einer Doku kommen nun Betroffene zu Wort. Was sie zu erzählen haben, ist beängstigend.

dpa

Szene aus «Achtung Lebensgefahr!». Foto: dpa

Moskau (dpa) - Schwer bewaffnete Polizisten stürmen ein heruntergekommenes Haus. Bei der Drogenrazzia im Nordkaukasus stoßen die Einsatzkräfte auf ein Handy, das vielen Schwulen und Lesben in der russischen Teilrepublik Tschetschenien später zum Verhängnis wird.

Auf dem Mobiltelefon sollen «eindeutige Bilder» gewesen sein, die sich Schwule geschickt haben. Die Polizei foltert einen der Männer nach der Razzia und zwingt ihn, andere Homosexuelle in der Republik zu verraten. Es folgt eine Welle von brutalen Festnahmen.

«Es war eine Kettenreaktion», sagt der Aktivist David Istejew über den Polizeieinsatz vor vier Jahren. Während er spricht, werden in der Dokumentation «Achtung Lebensgefahr! LGBT in Tschetschenien» Fotos von mit Blutergüssen übersäten Körpern gezeigt. Männer, die von der Polizei gefoltert worden sein sollen, um «andere zu denunzieren».

Der deutsch-französische Kultursender Arte greift ein Thema auf, das auch die EU besorgt: die Verfolgung von Homosexuellen in Tschetschenien. Brüssel hat deshalb im Frühjahr Sanktionen verhängt. Die Doku wird am Dienstag um 21.50 Uhr ausgestrahlt.

Der Film begleitet Aktivisten, die unerschrocken ihr eigenes Leben riskieren, um die LGBT-Gemeinschaft zu schützen. LGBT steht für Lesbisch, Gay (schwul), Bisexuell und Transgender. Die Doku des New Yorker Regisseurs David France gewann etwa im vergangenen Jahr den Publikumspreis der Berlinale. France erzählt und zeigt, wie Menschen wegen ihrer Sexualität sogar getötet werden in der islamisch geprägten Republik - und wie sie versuchen, ihre Heimat zu verlassen.

«Homosexuell zu sein, gilt dort als Schande. Und für eine Familie, die herausfindet, dass zum Beispiel einer von ihnen schwul ist, ist die Schande so groß, dass sie nur mit Blut gesühnt werden kann», sagt der Aktivist Istejew. Der Film lässt ihn ausführlich zu Wort kommen. Er spricht über seine Erfahrungen, über Schicksalsschläge.

Andere Mitglieder des LGBT-Netzwerkes in Russland berichten von einer geheimen Wohnung in Moskau als Versteck für Verfolgte. «Wir mussten sie verstecken, denn sie wurden gejagt», meint die Leiterin des Moskauer LGBT-Zentrums, Olga Baranowa. «Am Anfang begriffen wir, dass es da eine Katastrophe anbahnte, dass es nicht darum ging, einen oder zwei Betroffene zu retten, sondern Hunderte.»

In dem gut 100-minütigen Dokumentarfilm erzählen homosexuelle Männer und Frauen ihre bedrückenden Geschichten. Damit sie nach den Interviews nicht um ihr Leben fürchten müssen, bleiben sie anonym. Der Regisseur verändert etwa die Stimmen und dank modernster Technik digital die Gesichter der Gesprächspartner.

Diese Interviews geben bewegende Einblicke in die Gefühlswelt der Verfolgten. Ein junger Mann erzählt zum Beispiel, wie er auf einer Dating-Plattform zu einem Treffen in eine Wohnung gelockt wurde. Im Badezimmer habe bereits die Polizei gewartet, sagt er. Danach sei er mit Elektroschlägen gefoltert worden.

Der Filmemacher France beleuchtet ebenso die politische Lage in Tschetschenien unter Republikchef Ramsan Kadyrow, der als brutaler Machthaber gilt. Kadyrow selbst kommt dabei zu Wort und weist die Foltervorwürfe als erfunden zurück. «Bei uns gibt es keine Schwulen.» Falls es sie gebe, sollten sie nach Kanada gebracht werden, «um unser Blut zu reinigen», meint er und lacht dabei.

Begleitet wird auch ein schwules Pärchen, das ins Ausland flüchtet. Eine andere Szene zeigt, wie Istejew mit einer lesbischen Frau telefoniert, die von ihrem Onkel bedroht werde. Entweder werde sie von ihm vergewaltigt oder er werde sie outen, berichtet sie. Später helfen die Aktivisten ihr bei der Flucht aus Tschetschenien. An dieser Stelle erinnert der Dokumentarfilm an einen Action-Thriller.

Der Film kann kaum aktueller sein. Immer wieder schreiben unabhängige russische Medien über Anfeindungen gegen Schwule, Lesben und Transgender - nicht nur in Tschetschenien, sondern in ganz Russland. Dabei geht es nicht immer gleich um Gewalt. Vor wenigen Wochen etwa nahmen die Organisatoren des Internationalen Filmfestivals in Moskau einen Kurzfilm über Skinheads aus dem Programm, die Schwule jagen. Die beiden Männer haben in dem Streifen ein Verhältnis miteinander.

Homosexualität ist zwar in Russland nicht verboten, wird aber in dem Land mit seiner einflussreichen russisch-orthodoxen Kirche weitgehend tabuisiert. Vor allem in den Staatsmedien. Zudem stehen positive Äußerungen über Homosexuelle in Anwesenheit von Kindern unter Strafe. Gegen dieses seit 2013 geltende Verbot von «Homo-Propaganda» gibt es seit langem internationalen Protest.

Sogar der britische Popstar Elton John hatte die homosexuellenfeindliche Politik Russlands kritisiert - und Kremlchef Wladimir Putin dies entschieden zurückgewiesen.

© dpa-infocom, dpa:210514-99-597877/2

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