1. www.azonline.de
  2. >
  3. Welt
  4. >
  5. Kultur
  6. >
  7. Jazz-Trompeter Till Brönner wird 50

  8. >

Geburtstag

Jazz-Trompeter Till Brönner wird 50

Er ist Deutschlands bekanntester Jazz-Musiker: Till Brönner spielt mit viel Einfühlungsvermögen und sanften Tönen, Puristen rümpfen zuweilen die Nase. Mit 50 bleibt der Trompeter gelassen.

dpa

Trompeter Till Brönner wird 50. Foto: Peter Gercke

Berlin (dpa) - Vor ein paar Tagen nahm Till Brönner den Lift in die Vergangenheit. «Unlängst war ich zu einem Interview im legendären Berliner Hansa Studio, wo David Bowie seine Alben gemacht hat.»

In dem Haus hatte Brönner 1992 sein allererstes Album «Generations of Jazz» mit Ray Brown am Kontrabass aufgenommen. «Das Gefühl, dort durch die Tür zu gehen, mit dem gleichen Aufzug raufzufahren, kriegt mich heute noch wie damals.»

Wenn der Jazz-Musiker an diesem Donnerstag seinen 50. Geburtstag feiert ... nein, feiern wolle er diesmal nicht, sagt er. Also: Wenn Brönner 50 Jahre alt wird, will er auch ein wenig zurückblicken. Mit 30 oder 40 traue man sich ja sowas noch nicht.

Dabei gehört Brönner längst zur deutschen Jazz-Nachkriegsgeschichte - auch wenn er sich lediglich als privilegierter «Träger von Information» bezeichnet über all jene Künstler, mit denen der Trompeter und Komponist schon gespielt hat. «Denn ich war natürlich kein Zeitgenosse, gemessen an Leuten wie Herbie Hancock, Dave Brubeck, Ray Brown oder Hildegard Knef, aber ich habe noch mit ihnen zusammengearbeitet und musiziert.»

Brönner hat mehr als 20 Alben aufgenommen, er singt und fotografiert, saß auch bei Casting-Shows in der Jury. Vor einigen Monaten hat er ein neue Platte herausgebracht. «On Vacation» nennt sich das Album, und mit von der Partie war Bob James, der Sarah Vaughan am Klavier begleitete, mit Chet Baker spielte und für Frank Sinatra Songs arrangierte. «Bob James ist lebendige Jazzgeschichte», sagt Brönner. «Während der Aufnahmen in Südfrankreich war ich mindestens so sehr damit beschäftigt, ihm die spannendsten und lustigsten Geschichten aus dieser Zeit zu entlocken, wie mit ihm zu musizieren.»

Der in Viersen (Nordrhein-Westfalen) geborene Musiker bleibt sich treu. Etwa im Jahresrhythmus bringt Brönner eine CD heraus, am liebsten Konzeptalben, die eine Geschichte erzählen. Diesmal war es der Urlaub. Man habe etwas gegrübelt, ob der Titel in Pandemie-Zeiten unpassend oder gar weltfremd wirkt. «Wir haben uns dann doch entschlossen, es vor allem genau deswegen zu veröffentlichen. Denn Musik im besten Sinne ist ja auch Trost und eine Reise zu einem besseren Ort.» Tatsächlich hört sich «On Vacation» an wie eine Sommerfahrt im offenen Cabrio.

«Chattin' with Chet», eine Hommage an sein Vorbild Chet Baker, oder das «Jazz Album» mit Bassbariton Thomas Quasthoff - Brönner ist ein musikalischer Seitenspringer und er hat kein Problem damit. «Was Bob James über viele Jahre gemacht hat - darin erkenne ich mich zum Teil auch selbst wieder, etwa bei Fragen der Vielseitigkeit als Musiker, die im Kreis von Jazz-Puristen immer kontrovers diskutiert wird.» Ohrwürmer oder Avantgarde - Berührungsängste mit Musik habe er nie gehabt. «Bekannt geworden bin ich natürlich eher mit Musik, die viele Leute hören. Wen wundert’s.»«

In «Oceana» (2006) hat er Bebop und Cool Jazz gemischt, wie sie in den 50er und 60er Jahren an der Westküste der USA gespielt wurden, bei «Rio» verfiel er 2008 der Bossa Nova. Ob das jetzt alles streng genommen Jazz ist - die Antwort überlässt Brönner anderen. Der fotogene Musiker hat kein Problem damit, auch als Entertainer wahrgenommen zu werden.

«Für mich war es immer wichtig, auch ein kleiner Jazz-Missionar zu sein, weil ich in meiner Schulzeit während der 80er Jahre durchaus mit Ablehnung konfrontiert war.» Wer mit 12, 13 Jahren dazu steht, dass er Jazz mag, könne erwarten, dass Altersgenossen dafür nur Hohn und Belustigung übrig haben. «Das hat mich angespornt.»

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie meldet sich Brönner immer wieder zu Wort. Eine Wutrede auf Video zur Lage der Musiker wurde im Oktober ein Internet-Hit. «Solidarität mit Berufsgruppen wie Künstlern, die uns in guten Zeiten schmücken, doch nun zu tausenden und zum Schutz der Allgemeinheit schon seit 14 Monaten ohne Arbeit und angemessene Unterstützung sind – das hat die Kulturszene für immer verändert.»

Deswegen könne er das Ausmaß der Kritik am Schauspielerprotest #allesdichtmachen nicht verstehen. «Man kann Menschen wie Ulrich Tukur oder Jan-Josef Liefers nicht unterstellen, dass sie alle abgedriftet sind, sondern darf durchaus neugierig sein, warum gerade sie mit von der Partie waren.» Die Kunst und insbesondere die Musik hätten in der Pandemie sehr vielen Menschen geholfen. «Mich selbst hat die Musik in den dunkelsten Situationen immer wieder gerettet.»

Und wie sollen die kommenden zehn Jahre aussehen? «Es klingt ein bisschen pathetisch, aber ich habe mir vorgenommen, aktiver gesund zu bleiben und meine Prioritäten ein bisschen energischer zu setzen, damit ich sie noch intensiver erleben kann.» Nach einem Sohn habe er nun auch eine kleine Tochter. «Weniger beruflich reisen wäre daher ganz schön, denn davon hatte ich schon ganz schön viel im Leben», sagt Brönner und lacht dabei.

© dpa-infocom, dpa:210505-99-473458/2

Startseite