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Selbstjustiz-Thriller

«The Secrets We Keep» mit Noomi Rapace

London (dpa)

Eine traumatisierte Frau entführt einen Familienvater, den sie für einen Kriegsverbrecher hält. Der Frau ist Schlimmes widerfahren. Mit Gewalt will sie ein Geständnis von ihm erzwingen. Ist er schuldig?

Von Philip Dethlefs, dpa

Als verhaltensauffällige Ermittlerin Lisbeth Salander in der Verfilmung von Stieg Larssons «Millennium»-Trilogie wurde Noomi Rapace 2009 einem internationalen Publikum bekannt.

In ihrem neuen Film «The Secrets We Keep - Schatten der Vergangenheit» spielt die Schwedin wieder eine Frau mit schweren psychischen Problemen: Die Exil-Rumänin Maja hat sich nach traumatischen Erlebnissen im Zweiten Weltkrieg ein neues Leben in den USA aufgebaut. Doch in der amerikanischen Kleinstadtidylle wird sie von der Vergangenheit eingeholt.

Es ist ein sonniger Tag im Jahr 1959. Maja beobachtet erschrocken, wie ein Mann in sein Auto steigt, der ihr unangenehm bekannt vorkommt. Sie glaubt, in ihm einen Nazi zu erkennen, der sie vor 15 Jahren - kurz vor Kriegsende - vergewaltigte und an der Ermordung ihrer jüngeren Schwester beteiligt war. Sie lauert dem Mann (Joel Kinnaman) auf, schlägt ihn mit einem Hammer nieder und entführt ihn.

Im Keller des Hauses, in dem Maja mit ihrem Ehemann Lewis (Chris Messina) und dem gemeinsamen kleinen Sohn lebt, will sie durch Folter und Morddrohungen ein Geständnis des Entführten erzwingen. Der behauptet zwar Schweizer zu sein und Thomas zu heißen, doch Maja sieht in ihm ihren einstigen Peiniger, den Deutschen Karl.

Lewis, der von der tragischen Vergangenheit seiner Frau nichts wusste, wird ungewollt zum Mittäter. Hin- und hergerissen zwischen der Loyalität zu seiner Frau und erheblichen Zweifeln an Thomas' Schuld stellt er eigene Nachforschungen an. Was, wenn sich Maja irrt? Schließlich liegt das Geschehene schon 15 Jahre zurück. Thomas versucht derweil verzweifelt seine Unschuld zu beweisen. Und bald wird klar: In dieser Geschichte kann es keine Gewinner geben.

Die Handlung des Dramas von Regisseur Yuval Adler («Die Agentin») wirkt wie ein Remake von Roman Polanskis 90er-Jahre-Thriller «Der Tod und das Mädchen» mit Sigourney Weaver und Ben Kingsley in den Hauptrollen. Der wiederum basierte auf dem gleichnamigen Bühnenstück von Ariel Dorfman. Dass dies nicht einmal im Abspann erwähnt wird, ist aufgrund der nicht zu leugnenden, enormen Ähnlichkeit von «The Secrets We Keep - Schatten der Vergangenheit» schon erstaunlich.

Dummerweise mangelt es Adlers Drama im Gegensatz zu Polanskis Film an Glaubwürdigkeit. Das fängt bei kleinen Details wie der ziemlich holprig dargestellten Entführung an und setzt sich in phrasenhaften Dialogen zwischen Maja und Lewis fort. Beinahe sprunghaft ändern die Charaktere dabei zudem ihre Mimik und ihr Verhalten.

Majas Verhör ist zermürbend und zäh mitanzusehen, was man durchaus positiv sehen kann. Und immerhin ist der Film dank seiner zentralen Frage auch einigermaßen spannend: Ist Thomas unschuldig? Oder handelt es sich wirklich um den Kriegsverbrecher Karl?

Die Charakterdarstellerin Noomi Rapace spielt die schwer traumatisierte Maja allerdings zu mechanisch - was vermutlich am schwachen Drehbuch liegt. Chris Messina, sonst eher auf leichtere Kost wie «Vicky Cristina Barcelona» oder «Julie & Julia» abonniert, wirkt beinahe comichaft und deplatziert. Bis auf Rachel (Amy Seimetz), die verzweifelte Ehefrau des Entführten, sind alle Figuren stereotyp und oberflächlich.

Der missglückte und mitunter anstrengende Thriller endet obendrein in einem äußerst unbefriedigenden Finale. Inhaltlich überzeugt die Auflösung kaum, moralisch ist sie höchst fragwürdig. Ein Plädoyer für Selbstjustiz hatten Regisseur und Drehbuchautor Adler und sein Co-Writer Ryan Covington vermutlich nicht im Sinn. Eine erkennbare Botschaft oder einen Standpunkt bleibt «The Secrets We Keep - Schatten der Vergangenheit» jedoch schuldig.

- The Secrets We Keep - Schatten der Vergangenheit, USA 2020, 97 Min., FSK k.A, von Yuval Adler, mit Noomi Rapace, Joel Kinnaman, Chris Messina, Amy Seimetz

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