Privataudienz

Maas vom Papst empfangen - Auch sexueller Missbrauch Thema

Eigentlich empfängt der Papst keine Minister, sondern nur die Chefs von Staaten und Regierungen. Für den früheren Messdiener und heutigen Bundesaußenminister Heiko Maas macht er eine Ausnahme.

dpa

Außenminister Heiko Maas (l) lässt sich von Oliver Lahl von der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl durch Petersdom und Vatikan führen. Foto: Michael Fischer

Rom (dpa) - Bei der ersten Privataudienz eines Bundesaußenministers beim Papst seit fast 20 Jahren hat Heiko Maas auch das heikle Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche angesprochen.

Man habe über die Verantwortlichkeiten in der katholischen Kirche auch in Deutschland geredet, sagte Maas am Mittwoch nach dem Gespräch mit Franziskus im Vatikan. Am Nachmittag stellte er bei einem Treffen mit dem italienischen Außenminister Luigi Di Maio die Aufnahme von Bootsmigranten in Aussicht. Er rief zugleich andere EU-Staaten zur Solidarität mit Rom auf.

Das Treffen mit dem 84-jährigen Franziskus dauerte mit mehr als 40 Minuten außergewöhnlich lange. Die Segnungsgottesdienste auch für homosexuelle Paare, mit denen Katholiken in Deutschland bewusst gegen ein Verbot des Vatikans verstießen, waren dabei kein Thema.

Man habe aber über die Eskalation des Nahost-Konflikts, die Bekämpfung der Corona-Pandemie, die Zukunft der Europäischen Union und die deutsche Lateinamerika-Politik gesprochen, sagte Maas. Der SPD-Politiker hatte bereits vor dem Gespräch angekündigt, dass er mit Franziskus über den sexuellen Missbrauch von Kindern durch katholische Priester sprechen wolle. Dies sei eine Frage, die viele Menschen bewege und ihr Verhältnis zu ihrer Religionsgemeinschaft bestimme, sagte er.

Wie der Papst sich zu dem Thema geäußert hat, wollte der SPD-Politiker nicht sagen: «Ich bin nicht befugt, das, was der Papst zu diesem Thema gesagt hat, hier zu verkünden. Es ist aber sicherlich ein Thema, das hier im Vatikan nicht unbekannt ist.»

Zuletzt hatte vor allem der Umgang des Erzbistums Köln mit dem Missbrauch von Kindern durch Priester für Aufregung gesorgt. Kardinal Rainer Maria Woelki hatte ein Gutachten dazu lange Zeit unter Berufung auf rechtliche Bedenken zurückgehalten. Maas betonte, dass die Aufarbeitung des Missbrauchs nicht alleine Sache der Kirche sei. Der Staat könne sich gar nicht aus dieser Frage heraushalten, «wenn es Opfer gibt, die ein Anrecht darauf haben, dass die Täter zur Verantwortung gezogen werden müssen».

Maas hatte vor der Audienz auch die etwa 100 Segnungsgottesdienste für hetero- und homosexuelle Paare in Deutschland begrüßt, die international für viel Aufsehen gesorgt haben. Im März hatte die Glaubenskongregation des Vatikans klargestellt, dass es nicht erlaubt sei, homosexuelle Partnerschaften zu segnen.

Joschka Fischer war vor Maas der letzte deutsche Außenminister, der von einem Papst empfangen wurde. Das war 2003. Eigentlich sind Privataudienzen beim Papst Staats- und Regierungschefs sowie im Fall Deutschlands auch Ministerpräsidenten der Länder vorbehalten, da diese Kirchenvertragspartner des Heiligen Stuhls sind. Für die Vier-Augen-Gespräche mit dem Papst sind in der Regel 15 Minuten vorgesehen. Der Katholik Maas, der als Kind fast sieben Jahre lang Messdiener war, redete nun fast drei Mal so lange mit Franziskus.

Die Eskalation zwischen Israel und den Palästinensern bezeichnete Maas als «sehr bedrohlich». «Das wird auch im Vatikan sehr aufmerksam verfolgt», sagte er.

Bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie sei es darum gegangen, dass auch die ärmeren Länder mit Impfstoff versorgt würden. Bei der Frage, wie man die Impfstoffverteilung gewährleistet, gibt es allerdings Differenzen zwischen dem Vatikan und der Bundesregierung. Der Papst setzt sich für eine Aufweichung des Patentschutzes für Corona-Impfstoffe ein, Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat sich klar dagegen ausgesprochen.

Zu verstärkten Ankunft von Bootsflüchtlingen auf der Mittelmeerinsel Lampedusa sagte Maas nach dem Treffen mit Di Maio: «Italien darf hier mit dieser Frage nicht alleine gelassen werden.» Er ergänzte: «Deutschland hat sich in der Vergangenheit bereits an der Verteilung von Schutzsuchenden beteiligt, und wir werden das auch zukünftig so machen.» Aber auch andere EU-Mitglieder seien gefragt.

Die Regierung in Rom ist bemüht, Zusagen für die Übernahme von Bootsmigranten zu bekommen. Auf Lampedusa waren in wenigen Tagen mehr als 2000 Menschen angekommen. Bis zum Mittwochnachmittag hatte sich nach Angaben der EU-Kommission jedoch kein Land zu einer Übernahme bereit erklärt.

Zum Thema Italien-Urlaub zeigte sich der Bundesaußenminister zuversichtlich, dass auch nicht gegen Corona geimpfte deutsche Touristen im Sommer in das Land reisen könnten. Er glaube, dass man dafür die Voraussetzungen schaffen könne, sagte Maas. «Daran hat Italien natürlich als eines der beliebtesten deutschen Reiseziele ein hohes Interesse», fügte er hinzu. Ganz Italien ist derzeit von der Bundesregierung noch als Corona-Risikogebiet eingestuft.

© dpa-infocom, dpa:210512-99-562886/8

Startseite