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Gesundheit

Lärm in Städten: Krank machende Dauerbeschallung

Dass Lärm gesundheitliche Schäden hervorrufen kann, ist bekannt. Darum ist bei bestimmten Tätigkeiten, beispielsweise am Flughafen, im Straßenbau oder an Industriemaschinen ein Gehörschutz gesetzlich vorgeschrieben. Für Rockkonzerte und Festivals werden spezielle Ohrstöpsel empfohlen. Doch ist nur extremer Lärm gefährlich? Oder kann eine Dauerbeschallung, wie wir sie in vielen Städten erleben, ebenfalls krank machen?

Allgemeine Zeitung

Foto: Photo by Musa Haef on Unsplash

Geräusche im Alltag

Das Bel (B) ist eine nach Alexander Graham Bell benannte logarithmische Hilfsmaßeinheit zur Kennzeichnung von Pegeln und Maßen. Wir reden auch vom Geräuschpegel und geben die Lautstärke meist in Dezibel (dB) an. Ein Dezibel ist ein Zehntel eines Bel. Geräusche bis 15 Dezibel werden von vielen Menschen gar nicht wahrgenommen. Eine Differenz von 10 Dezibel (= 1 Bel) entspricht einer Verdoppelung der Lautstärke. So laut ist es um uns herum:

10 dB - Atmen, Schneefall
20 dB - Ticken einer Armbanduhr, leichter Wind
30 dB - Flüstern
40 dB - leise Musik
50 dB - Kühlschrank, leises Gespräch
55 dB - normales Gespräch
60 dB - Gruppengespräch
70 dB - Fernseher, Rasenmäher
75 dB - Verkehrslärm, Großraumbüro, Kantine
80 dB - Streit, Klavierspiel, vorbeifahrender Zug
85 dB - Hauptverkehrsstraße, Saxofonspiel
90 dB - Lastwagen, Türknallen,
95 dB - Holzfräsmaschine
100 dB - U-Bahn, Diskothek
120 dB - Presslufthammer, Kettensäge
130 dB - Düsenjäger, Autorennen, platzender Luftballon
140 dB - Gewehrschuss, Kampfflugzeug
150 dB - Geschützknall, Schmiedehammer
170 dB - Silvesterböller

Ab wann ist es Lärm?

Die genannten Werte wurden unmittelbar an der Geräuschquelle gemessen. Wenn die Bahnlinie hinter dem nächsten Häuserblock verläuft, wirkt dieser wie eine Schallschutzwand. Außerdem ist es stark von der persönlichen Befindlichkeit abhängig, ob Geräusche als unangenehm empfunden werden. Gutes Saxofonspiel begeistert, die gleich laute Hauptstraße hingegen nervt. Bei 120 bis 140 dB liegt die Schmerzgrenze. Der Versuch, die Ohren zuzuhalten, ist eine instinktive Selbstschutzmaßnahme. Kurze laute Geräusche mit einer Stärke von 120 dB können Tinnitus, Schwerhörigkeit oder Hörsturz nach sich ziehen. Davon kann das Ohr sich wieder erholen, wenn die Belastung nicht regelmäßig auftritt. Ab 130 dB ist mit irreparablen Schäden zu rechnen.

Mögliche physische Folgen

Wie bereits erwähnt kann das Gehör durch eine übermäßige Lärmbelastung beschädigt werden – im schlimmsten Fall sogar dauerhaft. Der Tinnitus, auch bekannt als Ohrensausen, kann beispielsweise durch einen lauten, hochfrequenten Ton ausgelöst werden. Aber auch tieffrequente Tönen können Hörschäden verursachen, wie zum Beispiel bei einer Explosion. In diesem Fall spricht man von einem Knall- oder Schalltrauma. Betroffene hören dann einen Pfeifton auf einer bestimmten Frequenz.

Medizinisch betrachtet ist der Tinnitus eine Schädigung der Sinneszellen innerhalb der Hörschnecke. Dabei gibt es verschiedene Ausprägungen. Manchmal kommt und geht das Pfeifen, bei anderen bleibt es dauerhaft. Dies wirkt sich aber in den meisten Fällen nicht auf die Fähigkeit zu Hören aus. Viele Tinnitus-Geschädigte nehmen das Pfeifen auch nur dann wirklich wahr, wenn es wirklich still um sie herum ist.

Warum und wie genau die Hörschäden entstehen, ist bis heute jedoch nicht wirklich geklärt, was eine Behandlung erschwert. Es gibt zudem Fälle, in denen der Pfeifton nicht durch eine physische, sondern durch psychische Belastungen entsteht, wie beispielsweise bei einem Hörsturz. Sicher ist aber, dass auch lauter Umgebungs- oder Arbeitslärm das Gehör schädigen kann, wenn der Mensch ihm dauerhaft ausgesetzt ist. Daher gelten vor allem in Berufen mit erhöhter Lärmbelastung klare Richtlinien, wenn es um den Schutz des Gehörs am Arbeitsplatz geht.

Arbeitsschutz und Gehörschutz

Wie laut es am Arbeitsplatz sein darf, regelt in Deutschland seit 2007 die Lärm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung (LärmVibrationsArbSchV) Sie ergänzt das Arbeitsschutzgesetz und legt unter anderem fest, dass der Wert von 80 dB nicht überschritten werden darf. Liegt der sogenannte Tageslärmexpostionspegel über 80 dB, muss der Arbeitgeber einen Gehörschutz zur Verfügung stellen.

Krach vor der Haustür

Doch was ist mit Geräuschen, denen wir außerhalb der Arbeit ausgesetzt sind? Hat der heimische Balkon, vor dem eine Schnellstraße verläuft, überhaupt einen Erholungswert? Kann man gesunden Nachtschlaf finden, wenn im Hinterhof ein Kühlaggregat im Dauerbetrieb brummt? Die Betroffenen erinnern sich noch gut an die Geothermie-Messungen im November 2021. Riesige Fahrzeuge, die Schallwellen bis in sechs Kilometer Tiefe sandten, wummerten nachts durch das Münsterland. Das war zum Glück nur eine vorübergehende Lärmbelästigung, doch Autobahnen, Hauptverkehrsstraßen und Schienenverkehr bleiben.

Lärm und Gesundheit

Die gesetzlichen Regelungen zum Lärmschutz am Arbeitsplatz könnten vermuten lassen, dass unterhalb von 80 dB keine Gefahr besteht, weil keine Maßnahmen vorgeschrieben sind. Das stimmt leider nicht. Ab 25 dB können Schlaf und Konzentration beeinträchtigt werden. Das bedeutet, schon leise Musik oder das Brummen des Kühlschranks stören. Ab 55 dB ist konzentriertes Arbeiten nicht mehr möglich. Doch nicht nur Schlaf und Konzentrationsfähigkeit leiden. Ist störender Lärm ein Dauerzustand oder tritt regelmäßig auf, können schwerwiegende gesundheitliche Beeinträchtigungen folgen. Ab ungefähr 60 dB werden vom menschlichen Körper die Stresshormone Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Dadurch steigen Blutdruck und Herzfrequenz - und als Folge das Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden. Pro 10 Prozent Zunahme des nächtlichen Verkehrslärms steigt das Risiko, an einem Herzinfarkt zu sterben, um 4 Prozent. Die Schweizer SIRENE-Studie (Short and Long Term Effects of Transportation Noise Exposure) wies eindrucksvoll nach, dass insbesondere Verkehrslärm viele weitere Krankheiten begünstigt, bzw. das Risiko erhöht, daran zu erkranken. Dazu zählen neben Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch Arteriosklerose, Diabetes und Depressionen.

Lärmschutz in Städten

Eine weitere Studie bestätigt, was die oben genannten Fakten nahelegen: Menschen in Städten leiden stärker und häufiger unter Lärm und dessen Folgeerkrankungen. Besonders betroffen ist dabei der Teil der Bevölkerung mit niedrigem Bildungsstand und geringem Einkommen, weil günstige (Sozial-)Wohnungen häufig besonders stark vom Lärm betroffen sind. Über die Hälfte der befragten Deutschen gab an, sich durch Verkehrslärm belästigt zu fühlen. Dabei gibt es auch für Wohngebiete klare Richtlinien des Umweltbundesamtes: Der Lärmpegel darf hier 25 bis 55 dB nicht überschreiten.

Ist es lauter, müssen Lärmschutzmaßnahmen her. Dazu gehören zum Beispiel:

·         Bäume als Schallschutz - Baumreihen entlang der innerstädtischen Straßen reduzieren die Schallreflexion der Häuserzeilen. Positiver Nebeneffekt: Die Temperatur bleibt selbst im Hochsommer im erträglichen Bereich.

·         Tempolimit - Eine Geschwindigkeitsbegrenzung im innerstädtischen Bereich hat neben der Lärmreduzierung viele weitere Vorteile wie die Erhöhung der Verkehrssicherheit und Reduzierung der Luftbelastung. Das bedeutet mehr Lebensqualität und Gesundheit für die Anwohner. Auch auf deutschen Autobahnen würde ein Tempolimit neben der Verringerung des CO2-Ausstoßes und der Zahl der schweren Unfälle zur Reduzierung des Verkehrslärms in angrenzenden Ortschaften beitragen.

·         Lärmmindernde Fahrbahnbeläge - Ein moderner geräuschmindernder Straßenbelag kann um bis zu 8 dB leiser sein als normaler Belag. Besonders laut wird es, wenn Kopfsteinpflaster, Schlaglöcher oder Kanaldeckel mit Niveauunterschied vorhanden sind.

·         Verkehrsfluss - die sogenannte „Grüne Welle“ reduziert die Start-Stopp-Phasen und damit den Lärm um ca. 1 dB.

·         Abschirmung - Lärmschutzwände, -wälle und Überbauungen reduzieren die Ausbreitung des Schalls.

·         Individuelle Maßnahmen - Dazu zählen unter anderem der Einbau von Schallschutzfenstern und die Verlegung des Schlafzimmers auf die Rückseite des Hauses.

Fazit

Lärm in Städten nervt und macht krank. Zu der psychischen Belastung, die Lärm auf Dauer mit sich zieht, können hier im schlimmsten Fall auch physische Schäden auftreten. Besonders bei langanhaltender Lärmbelästigung ist die Gefahr, einen Tinnitus zu erleiden, erhöht. Aber auch kurze, sehr hohe Belastungen können das Gehör schädigen.

Daher ist es gerade in Städten wichtig, die Belastung durch Umgebungslärm zu reduzieren. Schutzmauern an Bahngleisen, Tempolimits und ein optimierter Verkehrsfluss sind Maßnahmen, die von öffentlicher Seite ergriffen werden können. Bürger können sich selbst durch bauliche Veränderungen wie dem Einbau von Schallschutzfenstern vor Lärm schützen.

Eine schlaue Lösung mit mehreren positiven Nebeneffekten ist der Lärmschutz durch Bäume und Pflanzen. Die fangen nicht nur Lärm auf, sondern spenden Schatten im Sommer, erhöhen die Lebensqualität und sorgen zudem für Biodiversität im urbanen Raum.

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