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Mietpreise in Deutschland - der Speckgürtel liegt im Trend

Die Mietpreise in Deutschland sind seit Jahren unaufhaltsam gestiegen, was insbesondere junge Mieter und frische Familien zum Verzweifeln gebracht hat. Auch im Jahr 2020 sind die Mieten gestiegen - dies allerdings in einem Umfang, der mit den Vorjahren nicht vergleichbar ist. 2019 lag die durchschnittliche Nettokaltmiete in ganz Deutschland bei genau 8 Euro pro Quadratmeter. Im Jahr 2020 sind die Mietpreise auf 8,13 Euro geklettert und haben sich damit um 1,6 Prozent erhöht.

Allgemeine Zeitung

Foto: Photo by HiveBoxx on Unsplash

Diese Zahlen lassen viele Mieter aufatmen und zeigen, dass sich der deutsche Markt (vorerst) entspannt hat. In den vergangenen Jahren war eine jährliche Mietsteigerung von bis zu 5 Prozent keine Seltenheit. Von den Zahlen waren insbesondere Großstädte wie Berlin, Dresden oder Frankfurt am Main betroffen. Experten sprechen in Anbetracht der neuen Lage bereits vom Ende des Mietenbooms, auf das viele Deutsche bereits seit Jahren gehofft haben.

Für diese neue Entwicklung gibt es verschiedene Gründe: Immer weniger Zuwanderer kommen aus dem Ausland nach Deutschland, weshalb die Nachfrage nach Wohnraum abgenommen hat. Außerdem sind die Veränderungen des Mietmarktes abhängig von den Einkommen der (potenziellen) Mieter. Die durchschnittlichen Realeinkommen im Land sind im Jahr 2020 allerdings um durchschnittlich 1 Prozent gesunken, weshalb Vermieter heutige Mietpreise nicht unentwegt steigern können. Schließlich wurde eine Vielzahl neuer Wohnungen genehmigt, was den Wohnraummangel gesenkt und den Markt entspannt hat.

Immer mehr Mieter ziehen in das Umland

Aus dem sogenannten Speckgürtel, der die an eine Stadt angrenzenden Gemeinden und die umliegenden Regionen meint, lässt sich die Großstadt ebenso schnell erreichen wie ein Stück unbefleckte Natur. Deshalb ziehen diese Regionen seit Langem junge Familien an, aber auch Paare und Singles, die das hektische Leben in der Stadt hinter sich lassen möchten. Die Folge davon ist der "Speckgürteleffekt": Die Nachfrage nach Wohnraum in diesen Gebieten steigt unentwegt, weshalb auch die Mietpreise in die Höhe schnellen. Dadurch konnte hier im Jahr 2020 zum ersten Mal eine höhere Steigerung verzeichnet werden als in Großstädten.

Der Speckgürteleffekt ist insbesondere in und um Berlin spürbar. Mieter müssen im Umland oft höhere Mietpreise zahlen als in der Hauptstadt selbst - so konnte Wandlitz zum Beispiel eine Steigerung in Höhe von 72 Prozent verzeichnen. Im brandenburgischen Bestensee stiegen die Mietpreise um 23 Prozent, obwohl die Autofahrt nach Berlin von hier aus ganze 45 Minuten dauert.

Der Berliner Wohnungsmarkt und der Mietendeckel

Anfang 2020 wurden in Berlin nach zahlreichen Klagerufen verzweifelter Mieter die Mietpreise auf dem Niveau des Vorjahres eingefroren - der Mietendeckel war in Kraft getreten. Dieser hatte zur Folge, dass die Berliner im Jahr 2020 rund 3 Prozent weniger Miete zahlten. Die Freude der Wohnenden wurde zur Plage für Wohnungssuchende, da der Mietendeckel auch für eine überproportionale Verknappung des Angebots sorgte. So haben viele Eigentümer freie Wohnungen lieber erstmal nicht vermietet, da bisher nicht bekannt war, für wie lange der Mietendeckel seine Wirkung entfalten soll. Gewartet wurde auf das entsprechende Urteil des Bundesverfassungsgerichts, das schließlich im April 2021 ergangen ist. Und die Hoffnung der Vermieter sollte sich auszahlen: Das Bundesverfassungsgericht erklärte den Mietendeckel in Berlin für verfassungswidrig. Vermieter können seitdem allerdings ihre Mietpreise nicht nach Belieben festlegen, sondern müssen sich hierbei an die nunmehr wieder geltenden bundesweiten Mietregelungen halten.

Wo zahlen Deutsche die höchsten Mietpreise?


Die Mietpreise in den Metropolen Deutschlands klettern seit Jahren unentwegt nach oben. Zwar konnten Mieter im Jahre 2020 durchatmen und nur eine verhältnismäßig geringe Steigerung der Preise verzeichnen - dennoch haben sich die Mieten seit 2007 zum Teil bereits verdoppelt.

Am meisten zahlen die Großstädter in Stuttgart. Hier beträgt die Nettokaltmiete 10,38 Euro je Quadratmeter für eine 65-Quadtratmeter-Wohnung, womit die Mieter hier 46 Prozent tiefer in die Tasche greifen müssen als der deutsche Durchschnitt. Das als kostspielig verpönte München erreicht gerade einmal Platz sieben der teuersten Städte des Landes. Bis 2018 hielt sie sich dagegen bereits 20 Jahre lang ununterbrochen auf Platz eins. Während sich der Markt in der Metropole entspannt hat, sind die Mietpreise des Umlands gestiegen: Karlsfeld, eine Kommune des Münchener Speckgürtels, verzeichnet eine Nettokaltmiete von durchschnittlich 10,90 Euro pro Quadratmeter und ist damit die zurzeit teuerste deutsche Kommune. Auch Dachau, Germering und Erding schaffen es in diesem Jahr in die Top 10.

Die Zahlen zeigen, dass der Speckgürtel sich preislich nicht mehr unbedingt von den Großstädten unterscheidet. Die Ränge 10 bis 20 belegen alte Bekannte wie Hamburg, Frankfurt, Köln und Düsseldorf. Berlin hingegen lässt sich noch immer verhältnismäßig günstig bewohnen: Im westlichen Teil der Hauptstadt liegen die Mietpreise bei durchschnittlich 7,40 Euro je Quadratmeter, im Berliner Osten wird 6,65 Euro pro Quadratmeter gezahlt.

Die Plätze 95 bis 100 wurden ebenfalls von ostdeutschen Städten ergattert. Rostock, Potsdam und Jena berechnen für ihren Wohnraum in etwa die Durchschnittspreise des Landes. Günstiger wird es hingegen in Erfurt, wo der Quadratmeter nur durchschnittlich 6,68 Euro kostet.

Das leicht verringerte Mietpreiswachstum in den deutschen Großstädten und der Ansturm auf das Umland haben sich allerdings nicht auf die Kaufpreise für Grundstücke und Immobilien ausgewirkt: Im Jahr 2020 wurden Häuser in Deutschland im Schnitt 10 Prozent teurer. Käufer von Wohnungen mussten 11 Prozent mehr zahlen als im Vorjahr, womit der Trend der vergangenen Jahre aufrechterhalten wurde.

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