Interview mit Professor Rey Koslowski

Trumps langer Schatten: US-Experte über die Zukunft der Republikaner

Münster/New York

Von wegen Ende des „Trumpismus“. „Donald Trump wird weitermachen – nur anders“, erklärt Professor Rey Koslowski von der New York State University in Albany.

Claudia Kramer-Santel

Rey Koslowski geht davon aus, dass Donald Trump bei den Republikanern und ihren Amtsträgern im Kongress weiter eine große Rolle spielt – nur in anderer Form. Foto: dpa

Wird der Trumpismus vorbei sein, wenn Donald Trump irgendwann das Weiße Haus verlässt?

Koslowski: Nein. Über 70 Millionen Amerikaner haben gerade für Trump gestimmt – und das, wo sie doch vier Jahren Erfahrungen mit ihm sammeln konnten. Das sind sieben Millionen mehr als 2016. Egal, was Trump nach der Ernennung Joe Bidens am 21. Januar macht, der von ihm in die republikanische Partei eingespeiste rechte Nationalismus wird fortdauern.

Trump wird sich aber eine neue Rolle in dieser nationalen Bewegung suchen. Er könnte ein Medienunternehmen starten als Konkurrenz zu seinem bisherigen Haussender Fox News und diese Medienwirkung mit der seiner 88 Millionen Twitter-Follower kombinieren. So würde er als Königsmacher bei republikanischen Vorwahlen fungieren, weil seine Follower bei der nächsten Wahl den von ihm favorisierten Kandidaten wählen. Doch nachdem er das Weiße Haus verlassen hat, kann er nicht länger auf die Immunität vor Strafverfolgung setzen.

Die „New York Times“ geht von rund 30 Verfahren aus, die derzeit gegen ihn laufen – von sexuellem Missbrauch, Betrug bis hin zu Steuerhinterziehung. Von einer Gefängniszelle aus könnte es aber schwer werden, eine größere Rolle in der Politik zu spielen. Es geistert ja auch das Gerücht herum, dass er das Land verlassen könnte – und dann in einem selbst auferlegten Exil lebt.

Wie lange halten die Republikaner zu ihm?

Koslowski: Das kommt darauf an, wie unabhängig sie sind. Republikanische Amtsinhaber und aufstrebende Politiker der Partei dürften weiter hinter Trump stehen. Sie benötigen die Wählergunst und wollen sich nicht von Trumps Anhängern entfremden, wenn er das Weiße Haus verlässt. Kritischer gegenüber Trump dürften sich vor allem die republikanischen Senatoren geben, die nicht 2022 oder 2024 zur Wahl stehen. Sie dürften zu republikanischen Positionen vor der Trumpzeit zurückkehren.

Rey Koslowski Foto: University of Albany

Wird Joe Biden die Nation aussöhnen?

Koslowski: Hoffentlich. Biden wird einen ernsthaften Versuch machen, die Nation auszusöhnen. Die Regierung will endlich eine staatliche Führungsrolle in der Bekämpfung der Corona-Pandemie übernehmen und neue Konjunkturprogramme auf den Weg bringen. Doch dafür benötigt Biden wenigstens eine Handvoll Republikaner im Senat, die mit ihm Kompromisse moderieren. Biden wird sich deshalb vom ultralinken Flügel seiner Partei abgrenzen. Das wird ihm wahrscheinlich gelingen, weil linke Kandidaten fürs Kabinett sowieso keine Chance haben, vom Senat bestätigt zu werden, der derzeit in repu­blikanischer Hand ist. Biden könnte so ein moderates Team um sich scharen, das in der Lage ist, übergreifende Konsense zu erzielen.

Wird die Demokratie leiden oder wird sie am Ende gestärkt sein?

Koslowski: Beides, aber das Leiden kommt zuerst. Donald Trumps Angriffe auf die Demokratie wird man ertragen müssen, zunächst bis am 14. Dezember die Wahlleute den Präsidenten gewählt haben, dann noch bis das Ergebnis am 6. Januar bekanntgegeben wird. Es gibt Parallelen zu einer Corona­infektion: Die Demokratie leidet, aber wenn sie am ­Ende überlebt, dürfte sie ­wenigstens Antikörper entwickelt haben, um in Zukunft ähnliche Angriffe besser abwehren zu können.

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