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Aufklärer

Ein Lob des guten Benehmens - 225 Jahre nach Knigge

Bremen/Hannover (dpa

Tischsitten, Manieren und Benimmregeln: Wer von Knigge spricht, meint Handreichungen und Tipps zum höflichen Benehmen. Für den alten Freiherrn Knigge, der vor 225 Jahren starb, wäre das wohl ein Grund, sich zu wundern.

Von Thomas Strünkelnberg, dpa

Adolf Freiherr Knigge (1752-1796)., Verfasser des Standardwerkes über gutes Benehmen mit dem Titel «Über den Umgang mit Menschen». Foto: dpa

Deutschland hat sich in der Corona-Pandemie neue Umgangsformen verordnet. Abstand halten, Maske tragen, weniger Gedränge, man weicht sich aus - alles aus Angst vor dem Virus. Und vor Strafen.

Aber was hätte bloß Knigge dazu gesagt, was ist aus Benehmen und Etikette geworden? Selbst das Händeschütteln hat es in sich - in der Pandemie erst recht.

Irrtümlich gilt Knigge als Verkünder feiner Tischmanieren - die Einschätzung, dass sich Knigge-konform verhält, wer weiß, wo das Besteck zu liegen hat, ist weit verbreitet. Doch das war nicht das Anliegen des 1752 geborenen Schriftstellers, Aufklärers und Humanisten Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge. Zwar schrieb er 1788 das Buch «Über den Umgang mit Menschen» und legte damit den Grundstein für die Regeln der Etikette. Aber erst andere Autoren ergänzten das damals schon populäre Buch um die Benimmregeln. Heute steht Knigge für richtiges Handeln schlechthin. Der Freiherr starb am 6. Mai 1796 in Bremen - vor 225 Jahren.

Die stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Knigge-Gesellschaft, Linda Kaiser, macht klar: Dem Freiherrn gehe es um «psychologische Betrachtungen der Menschen in ihrem Wesen und ihrem System», seine Hauptanliegen seien Wertschätzung und Toleranz: «Deshalb ist Knigge heute noch sehr aktuell.» Damals, ein Jahr vor der Französischen Revolution, sei die Welt im Wandel gewesen, das Bürgertum habe Handreichungen gesucht, um wettbewerbsfähig mit dem Adel zu werden. Allerdings: Knigge wäre wohl verblüfft über das, was aus seinen Betrachtungen geworden ist.

Denn Knigge hat das Sozialverhalten der Menschen unter die Lupe genommen, analysiert und Schlüsse gezogen. Er rät: «Beurteile die Menschen nicht nach dem, was sie reden, sondern nach dem, was sie tun.» Ein anderer guter Rat, nicht zuletzt angesichts von Hass und Hetze in sozialen Medien: ««Enthülle nicht die Schwächen Deiner Nebenmenschen.» Aus solchen Einsichten seien Regeln abgeleitet worden - kleine Handreichungen wie das Aufhalten der Tür oder andere Menschen anzusehen, wenn man mit ihnen spricht, sagt Kaiser. Heute werde das hinterfragt, es sei eine «Bedrohung für die eigene Bequemlichkeit». Auch werde hinterfragt, ob Zuvorkommenheit gegenüber selbstbewussten Frauen noch angebracht sei. Für Kaiser bleibt es eine «schöne Geste», anderen Gutes zu tun.

Eigentlich erstaunlich: Dem angeblichen Benimmpapst geht es weniger um die Darstellung der Menschen in der Öffentlichkeit, sondern um deren innere Einstellung. Was bedeutet das? «Wenn ich in die Wirtschaft gehe, begrüße ich den Wirt, wertschätze seine Arbeit und freue mich, dass er mich empfängt», erklärt Kaiser. Auch wer fit ist in Fragen der vielbeschworenen Tischetikette, sollte sich zurückhalten, wenn jemand dabei ist, der dies nicht ist - so wird die Situation angenehmer. Kaiser betont: «Das Ganze lebt erst durch die Einstellung, durch Herzlichkeit.»

Wer war Knigge? Der Freiherr stammte aus einer adligen, aber verarmten Familie Knigge. Er wuchs in Bredenbeck am Deister auf, wo er standesgemäß erzogen wurde. Knigge studierte Jura in Göttingen und war unter anderem bei Hofe in Kassel und als Kammerherr in Weimar angestellt. Allerdings verabscheute er das Leben als Höfling und ging später als Schriftsteller nach Frankfurt und Heidelberg.

Er übersetzte Schriften des französischen Aufklärers Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) und verfasste zahlreiche Werke zu Geschichte, Politik und Gesellschaft, auch war er in der Theaterszene engagiert. Knigge starb in Bremen, sein Grab befindet sich im Bremer Dom. Sein wohl bekanntestes Werk «Über den Umgang mit Menschen» gilt heute als «der Knigge» - fast so wie «der Duden». Dabei verkündet auch Knigges Nachkomme Moritz Freiherr Knigge einst, er halte nichts von Regelwerken: «Was einen höflichen Menschen ausmacht, ist, dass er es versteht, sich angemessen zu verhalten.»

Dennoch sei die Nachfrage nach Knigge-Seminaren hoch, betont Kaiser. In der Pandemie seien Online-Seminare gefragt, auch wenn die Inhalte schwer zu vermitteln seien. Es gehe dort tatsächlich um Umgangsformen und Etikette - auch Tipps in Sachen Tischetikette würden angeboten, und viele reagierten darauf «ganz dankbar». Aber es fließe viel vom klassischen Knigge ein: Mit wem spreche ich wie, wie setze ich ein wertschätzendes Miteinander um?

Fest steht: Mit der sozialen Entwicklung seien auch die Regeln im Wandel, meint Kaiser. Das sehen die beiden Autorinnen Henriette Kuhrt und Sarah Paulsen, die ein Buch über Knigge im 21. Jahrhundert geschrieben haben, ähnlich: «Es hat in vielerlei Hinsicht ein Wandel stattgefunden», sagt Kuhrt unlängst dem Bremer «Weser-Kurier». «Wenn ich zum Beispiel jemanden zum Essen einlade, dann hat man früher etwas gekocht und es wurde gegessen, was auf den Tisch kommt. Mittlerweile fragt man aber: Ist ein Veganer, ein Vegetarier, ein Lakose-Intoleranter dabei?»

Deutschland hat sich in der Corona-Pandemie neue Umgangsformen verordnet. Abstand halten, Maske tragen, weniger Gedränge, man weicht sich aus - alles aus Angst vor dem Virus. Und vor Strafen.

Aber was hätte bloß Knigge dazu gesagt, was ist aus Benehmen und Etikette geworden? Selbst das Händeschütteln hat es in sich - in der Pandemie erst recht.

Irrtümlich gilt Knigge als Verkünder feiner Tischmanieren - die Einschätzung, dass sich Knigge-konform verhält, wer weiß, wo das Besteck zu liegen hat, ist weit verbreitet. Doch das war nicht das Anliegen des 1752 geborenen Schriftstellers, Aufklärers und Humanisten Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge. Zwar schrieb er 1788 das Buch «Über den Umgang mit Menschen» und legte damit den Grundstein für die Regeln der Etikette. Aber erst andere Autoren ergänzten das damals schon populäre Buch um die Benimmregeln. Heute steht Knigge für richtiges Handeln schlechthin. Der Freiherr starb am 6. Mai 1796 in Bremen - vor 225 Jahren.

Die stellvertretende Vorsitzende der Deutschen Knigge-Gesellschaft, Linda Kaiser, macht klar: Dem Freiherrn gehe es um «psychologische Betrachtungen der Menschen in ihrem Wesen und ihrem System», seine Hauptanliegen seien Wertschätzung und Toleranz: «Deshalb ist Knigge heute noch sehr aktuell.» Damals, ein Jahr vor der Französischen Revolution, sei die Welt im Wandel gewesen, das Bürgertum habe Handreichungen gesucht, um wettbewerbsfähig mit dem Adel zu werden. Allerdings: Knigge wäre wohl verblüfft über das, was aus seinen Betrachtungen geworden ist.

Denn Knigge hat das Sozialverhalten der Menschen unter die Lupe genommen, analysiert und Schlüsse gezogen. Er rät: «Beurteile die Menschen nicht nach dem, was sie reden, sondern nach dem, was sie tun.» Ein anderer guter Rat, nicht zuletzt angesichts von Hass und Hetze in sozialen Medien: ««Enthülle nicht die Schwächen Deiner Nebenmenschen.» Aus solchen Einsichten seien Regeln abgeleitet worden - kleine Handreichungen wie das Aufhalten der Tür oder andere Menschen anzusehen, wenn man mit ihnen spricht, sagt Kaiser. Heute werde das hinterfragt, es sei eine «Bedrohung für die eigene Bequemlichkeit». Auch werde hinterfragt, ob Zuvorkommenheit gegenüber selbstbewussten Frauen noch angebracht sei. Für Kaiser bleibt es eine «schöne Geste», anderen Gutes zu tun.

Eigentlich erstaunlich: Dem angeblichen Benimmpapst geht es weniger um die Darstellung der Menschen in der Öffentlichkeit, sondern um deren innere Einstellung. Was bedeutet das? «Wenn ich in die Wirtschaft gehe, begrüße ich den Wirt, wertschätze seine Arbeit und freue mich, dass er mich empfängt», erklärt Kaiser. Auch wer fit ist in Fragen der vielbeschworenen Tischetikette, sollte sich zurückhalten, wenn jemand dabei ist, der dies nicht ist - so wird die Situation angenehmer. Kaiser betont: «Das Ganze lebt erst durch die Einstellung, durch Herzlichkeit.»

Wer war Knigge? Der Freiherr stammte aus einer adligen, aber verarmten Familie Knigge. Er wuchs in Bredenbeck am Deister auf, wo er standesgemäß erzogen wurde. Knigge studierte Jura in Göttingen und war unter anderem bei Hofe in Kassel und als Kammerherr in Weimar angestellt. Allerdings verabscheute er das Leben als Höfling und ging später als Schriftsteller nach Frankfurt und Heidelberg.

Er übersetzte Schriften des französischen Aufklärers Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) und verfasste zahlreiche Werke zu Geschichte, Politik und Gesellschaft, auch war er in der Theaterszene engagiert. Knigge starb in Bremen, sein Grab befindet sich im Bremer Dom. Sein wohl bekanntestes Werk «Über den Umgang mit Menschen» gilt heute als «der Knigge» - fast so wie «der Duden». Dabei verkündet auch Knigges Nachkomme Moritz Freiherr Knigge einst, er halte nichts von Regelwerken: «Was einen höflichen Menschen ausmacht, ist, dass er es versteht, sich angemessen zu verhalten.»

Dennoch sei die Nachfrage nach Knigge-Seminaren hoch, betont Kaiser. In der Pandemie seien Online-Seminare gefragt, auch wenn die Inhalte schwer zu vermitteln seien. Es gehe dort tatsächlich um Umgangsformen und Etikette - auch Tipps in Sachen Tischetikette würden angeboten, und viele reagierten darauf «ganz dankbar». Aber es fließe viel vom klassischen Knigge ein: Mit wem spreche ich wie, wie setze ich ein wertschätzendes Miteinander um?

Fest steht: Mit der sozialen Entwicklung seien auch die Regeln im Wandel, meint Kaiser. Das sehen die beiden Autorinnen Henriette Kuhrt und Sarah Paulsen, die ein Buch über Knigge im 21. Jahrhundert geschrieben haben, ähnlich: «Es hat in vielerlei Hinsicht ein Wandel stattgefunden», sagt Kuhrt unlängst dem Bremer «Weser-Kurier». «Wenn ich zum Beispiel jemanden zum Essen einlade, dann hat man früher etwas gekocht und es wurde gegessen, was auf den Tisch kommt. Mittlerweile fragt man aber: Ist ein Veganer, ein Vegetarier, ein Lakose-Intoleranter dabei?»