Lichtblick

Intelligente Energielösungen bringen Strom nach Subsahara-Afrika

Über 600 Millionen Afrikaner sitzen nachts im Dunkeln. Regenerative Energien könnten der Schlüssel für nachhaltige Entwicklung sein. Ein Start-up hat 2016 begonnen, Dörfer mit umgebauten Containern zu elektrifizieren.

Ulrich Schaper

In Foh, einem kleinen Ort in der Nähe Sikassos (Mali), sorgt ein Solartainer für Strom, Frischwasser, Internet – und bietet die Möglichkeit, Lebensmittel zu kühlen. Foto: Africa GreenTec

Wenn in Subsahara-Afrika die Sonne untergeht, ist für 600 Millionen Menschen Dunkelheit. Für zwölf Stunden.

Eine Frauenstimme verliest diese Zahlen in ihrem Zuhause – nur schemenhaft kann man sie eingehüllt von der pechschwarzen Nacht erkennen. Verbreitet wurde das Video von dem jungen Start-up Africa GreenTec – dessen Gründer, Torsten Schreiber, hat sich gemeinsam mit seiner Frau das Ziel gesetzt, in Afrika sprichwörtlich das Licht anzumachen.

Schätzungen zufolge haben lediglich 30 Prozent der Menschen, die südlich der Sahara leben, Zugang zu Elektrizität – es ist die einzige Region der Welt, in der laut Internationaler Energie Agentur (IEA) die absolute Zahl der Menschen ohne Stromanbindung sogar noch steigt.

Start-up will vorhandene Energie vor Ort nutzen

„Für die Entwicklung der Region und für die Lage der Menschen ist das prekär“, sagt Rebecca Sleegers, eine Münsteranerin, die seit einigen Monaten für Africa GreenTec arbeitet. Der Ansatz des Start-ups: Möglichst jene Energie nutzen, die massenhaft zur Verfügung steht – und zwar an Ort und Stelle.

Die Sonnenenergie verspricht das größte technische Potenzial aller Technologie­formen (McKinsey 2015). Nutzbar gemacht wird sie mit sogenannten Solartainern, 40-Fuß-Containern, die in Europa umgebaut und als mobiles Mini-Kraftwerk nach Afrika verschifft und dort per Lkw in die Dörfer fernab der großen Metropolen gebracht werden. 2016 wurden die ersten solcher Mini-Grid-Systeme nach Afrika gebracht. Mittlerweile haben Torsten Schreiber und seine Mitstreiter 17 Dörfer in Mali und Niger an den Strom angeschlossen. Noch in diesem Jahr sollen weitere Solartainer auf Madagaskar, im Senegal und im Tschad installiert werden. Bis 2030 will das Unternehmen nach eigenen Angaben drei Millionen Menschen elektrifizieren.

Schlechte Stromversorgung in afrikanischen Ländern

Für die meisten Afrikaner ist Energie noch immer unzugänglich, unzuverlässig und unbezahlbar. Laut Weltbank liegen die fünf Nationen mit dem geringsten Zugang zu Elektrizität allesamt in Afrika. Das Land mit der schlechtesten Versorgung ist Burundi – nur jeder Zehnte hat dort Zugang zu elektrischem Strom. Wenig besser sieht die Lage im Tschad aus (11,8 Prozent). Auf den Rängen folgen Burkina Faso (14,4 Prozent), Niger (17,6 Prozent) und Malawi (18 Prozent).

„Bis zu 300 Haushalte oder 4000 Menschen können mithilfe eines einzigen Containers mit Strom versorgt werden“, sagt Rebecca Sleegers. „Aber nicht nur das: Wir können die Systeme so umrüsten, dass wir neben einem Kühlraum auch Wasserpumpen und einen WiFi-Router installieren können.“ 500 000 Euro kostet der Bau einer solchen Einheit und dauert mehrere Monate. Vor Ort angekommen ist er in 48 Stunden aufgebaut und bereit, Strom zu liefern. „Die Dörfer in den netzfernen Regionen Afrikas werden durch die Mini-Grids autark – und haben die Chance, sich weiterzuent­wickeln“, sagt Sleegers.

Das Unternehmen ist Forschungskooperationen – unter anderem mit der TU München – eingegangen und arbeitet mit Datenanalysten, um die Wirkung seiner Aktivitäten messen zu können. „Im Grunde ist Strom der Anfang von allem“, sagt Sleegers. Auf elf der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele hat das ­Wirken GreenTecs einen positiven Einfluss: Unter anderem wurden 24 975 Menschen mit Strom versorgt, dabei wurden 2080 Tonnen CO eingespart, und 419 Kleinunternehmen gelang es, mit den neuen Energiequellen zu wachsen. Da vor Ort Techniker ausgebildet werden, schafft das Unternehmen Arbeitsplätze – und hat, sozusagen als positiven Nebeneffekt, gleich Fachkräfte, die sich um die Solartainer kümmern können.

Konventionelle Biomasse ist die häufigste Energiequelle

Energie in Afrika ist heute noch über­wiegend fossil. Die am häufigsten genutzte Energiequelle ist konventionelle Biomasse (50 Prozent), die vor allem zum Kochen genutzt wird, gefolgt von Öl (23 Prozent), Kohle (14 Prozent) und Gas (14 Prozent). Der Elek­trizitätsmix unterscheidet sich stark von Region zu Region – laut IEA-Projektion aber soll bis 2030 die Hälfte der Stromproduktion in Afrika aus erneuerbaren Energien stammen. Das Potenzial ist riesig – vor allem der Photovoltaik-Ausbau gilt als Schlüssel zur dezentralen Versorgung der Dörfer.

Für die Menschen in Afrika sind die rot-gelb-grün angestrichenen Container der Wegbereiter in ein neues Leben. Foto: Africa GreenTec

Die Energiekrise ist einer der Hauptgründe für das lahmende wirtschaftliche und soziale Wachstum Afrikas. Unternehmer verlieren Umsätze durch Stromausfälle, ohne Licht können Kinder ihre Hausaufgaben nicht machen, in Krankenhäusern verderben Medikamente, Maschinen stehen still und auch der Zugang zu Bildung und Internet bleibt ohne Elektrizität aus. Heikel ist auch, dass die Produktion von Nahrungsmitteln durch fehlende Möglichkeiten der Kühlung stark limitiert wird. Die vielen Kleinbauern können ihre Ernten nicht lagern, weil diese in der Hitze sofort verschimmeln. So geht die Welternährungsorganisation FAO davon aus, dass allein 40 Prozent der Obst- und Gemüseernte in Subsahara-Afrika verdirbt, weil es an entsprechenden Kühlketten mangelt.

Solarstrom im Prepaid-Tarif

Der Zugang zur Energie ist über die Solar­tainer denkbar einfach: Wer Strom möchte, bucht einen Tarif, wie bei einer Prepaid-Karte. Ist der Strom aufgebraucht, muss man erneut buchen. Die kleinste Einheit, die derzeit verkauft wird, sind 50 Watt. „Der Bedarf ist ganz unterschiedlich. Je nachdem, ob ein Haushalt nur Strom braucht, um Handys aufzuladen, oder ob Maschinen betrieben werden müssen“, erklärt Sleegers. „Ein Zusatznutzen ist: Wir bekämpfen mit unseren Containern Fluchtursachen. Wenn die Menschen dort, wo sie leben, Strom, Wasser und Elektrizität ­vorfinden und ihre Kinder eine Chance auf Bildung haben, dann sind das für sie Gründe, nicht aus ihrer Heimat zu fliehen.“

Über 600 Millionen Afrikaner sitzen nachts im Dunkeln. Regenerative Energien könnten der Schlüssel für nachhaltige Entwicklung sein. Ein Start-up hat 2016 begonnen, Dörfer mit umgebauten Containern zu elektrifizieren.

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