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Mai Thi Nguyen-Kim im Interview

Superspreaderin für die Wissenschaft

Münster

Bestseller, meistgeklicktes Video auf YouTube in 2020 und jetzt auch noch der Grimme-Preis: Dr. Mai Thi Nguyen-Kim ist höchst erfolgreiche Wissenschaftsjournalistin, Bestseller-Autorin und Internet-Phänomen. Warum? Die promovierte Chemikerin hat eine Mission.

Michaela Töns

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim erhält für ihre Beiträge zum Thema Corona den Grimme-Preis. Foto: IMAGO / teutopress

6,56 Millionen waren es zuletzt, die ihr Corona-Video vom 1.April 2020 gesehen haben. Es war das meistgesehene bei YouTube im ganzen Jahr 2020. Darin haben sie vor allem eins getan: erklärt. Sie haben erklärt, was es bedeutet, eine Pandemie zu durchleben – mich Stichworten, die heute im Mainstream angekommen sind. Was denken Sie, wenn Sie das Video heute – gut ein Jahr später – sehen?

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Echt verrückt, dass es schon über ein Jahr her ist. Und seltsamerweise wirkt es immer noch aktuell, zum Beispiel die Erkenntnis, dass nur Niedriginzidenzen sowohl für die Gesundheit als auch für die Wirtschaft das Beste sind. Das wissenschaftliche Kernstück des Videos waren Modellierungen der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie. Sie hatten schon im März 2020 richtig berechnet, dass uns diese Pandemie ein Jahr oder länger beschäftigen wird. Dabei schwang vor einem Jahr noch die Hoffnung durch die Medien, dass nach Ostern oder im Sommer die Pandemie vorbei sein könnte. Ich weiß noch sehr genau, wie wir uns im Team die Köpfe darüber zerbrochen haben, wie wir die Hiobsbotschaft "Corona geht gerade erst los" klar vermitteln, ohne Menschen zu viel Angst zu machen.

„Wie lange müssen wir noch durchhalten?“ hatten Sie damals gefragt. Wie lautet Ihre Antwort heute?

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Nicht mehr lange - nur noch wenige Monate müssen wir durchhalten, das Ende ist in Sicht! Mit Ende meine ich den Punkt, an dem die meisten einmal vollständig geimpft sind. Wir werden wahrscheinlich noch Auffrischungsimpfungen für die Wintersaison brauchen und wahrscheinlich wird man noch die ein oder andere Impfstoffanpassung an neue Virusvarianten vornehmen müssen. Doch wenn es dank der aktuellen Impfrunde erst einmal eine Grundimmunität in der Bevölkerung gibt, haben wir das Gröbste überstanden.

In Ihrem Buch „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ prüfen Sie kursierende Antworten auf große Fragen der Gegenwart auf ihren Wahrheitsgehalt: die Vertretbarkeit von Tierversuchen, Gerechtigkeit und GenderPay Gap, Schul- oder Alternativ-Medizin. Gemeinsam ist allen Fragen: Antworten sind komplex – und eine Frage der Perspektive. Trotzdem lassen sich die Leserdarauf ein: Ihr Buch rangiert ganz oben auf der Bestsellerliste. Was glauben Sie: Welchen Bedarf befriedigen Sie da gerade? Finden die Leser in Ihnen diejenige, die mal klipp und klar sagt: „Jetzt hör mal zu, ich erklär dir diese verrückte Welt?“

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Teil dieser verrückten Welt ist ja, dass man sehr Vieles eben nicht erklären kann. Wissenschaft und Forschung haben ihre Grenzen. Aber auch darum geht es in meinem Buch. Ich möchte fachfremden Laien das Werkzeug an die Hand geben, mit dem sie zwischen wasserfester Evidenz und einem interessanten Hinweis unterscheiden können. Zwischen wissenschaftlichem Konsens und ungeklärten Fragen. Über ersteres sollte man sich nicht mehr streiten, über letzteres unbedingt! Um diese Unterscheidung aber treffen zu können, muss man an die Substanz, weg von der Oberfläche, rein in die wissenschaftlichen Details. Und ich glaube, diese Details interessieren die Menschen auch ungemein. Wissenschaft wird in der Vermittlung an Laien leider zu oft "runtergedummt". Ich weiß aber aus Erfahrung, dass die Leute kurze, unterkomplexe Antworten leid sind, sie wollen es ganz genau wissen. Und genau damit bediene ich mein Publikum und glaube, dass meine Arbeit deswegen bei vielen einen Nerv trifft.

Haben Sie mit Ihren Engagements im Netz, im Fernsehen, als Autorin eine „Mission“? Wie lässt sie sich auf den Punkt bringen?

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Meine Mission ist es, wissenschaftliche Aufklärung wie eine Seuche zu verbreiten. Ich will ein wissenschaftlicher Superspreader sein.

Sie überzeugen nicht nur mit Argumenten, Fakten, Plausibilitäten. Sie überzeugen auch mit ihrer persönlichen verbindlichen Art, bei der es Widerreden schwer haben. Wird Ihnen tatsächlich seltenwidersprochen? Hat sich das verändert, je populärer sie geworden sind? Sind Sie in allen Lebenslagen diejenige, die sagt, wie der Hase läuft?

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Naja, danke für das Kompliment, aber meine Art zu sprechen oder zu schreiben - das ist ja nur mein Stil, das ist nur Verpackung. Aber die Leute sind ja nicht dumm. Natürlich sind es am Ende die Argumente und Belege, die Menschen überzeugen oder auch nicht. Zumindest die Menschen, die an echtem, rationalen Diskurs interessiert sind. Ich werde seit Jahren mit einem überwiegend kritischen, intelligenten Publikum belohnt, das in der Lage ist, differenziert und konstruktiv zu kritisieren. Dadurch habe ich auch viel gelernt und meine Arbeit verbessert. Seit der Pandemie ist meine Reichweite aber noch ein gutes Stück gewachsen und meine Inhalte fallen in eine hochstrapazierte politische und ideologische Gemengelage. Da kommt "Widerspruch" derzeit zu Hauf in Form von niveaulosen, persönlichen Angriffen oder verschwörungsideologischen Fantasien. Aber ich kann das kaum als Widerspruch kategorisieren, da das nichts mehr mit rationalem Diskurs zu tun hat. Etwa wenn man mir vorwirft, eine Marionette von Bill Gates zu sein.

Wer ist ihnen als „Widersprecher“ am liebsten? Mit wem können Sie am besten debattieren?

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Mit jedem, der an echter Debatte interessiert ist! Je unterschiedlicher die Meinungen, desto spannender. Sinnlos wird es nur, wenn Meinungen und Fakten verwechselt oder bewusst verschmolzen werden. Es ist natürlich nichts Spannendes dabei, mit jedem zu diskutieren, ob es Corona wirklich gibt oder nicht. Das ist reine Zeitverschwendung.

Wissenschaft für Publikum – das bedeutete bei Ihnen anfangs auch, bei Science Slams mitzuwirken. Was machte dieses Format zu Ihrem Format?

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Für alle, denen Science Slams nichts sagen: Da stehen Forscherinnen und Forscher auf einer Bühne, erzählen - möglichst verständlich und unterhaltsam - von ihrer Arbeit. Im Publikum sitzen Laien, die ihren freien Abend und sogar ein kleines Eintrittsgeld geopfert haben, was allein schon ziemlich cool ist. Wissenschaft sollte kein Exklusiv-Club für Akademiker sein. Ich war immer davon überzeugt, dass Wissenschaft eigentlich massentauglich ist und eher aus Versehen zu einer Nerd-Nische geworden ist. Formate wie Science Slams schlagen da wichtige Brücken.

Ein Klischee haftet Wissenschaftlern beständig an: Viele seien Shoe Gazer, die in ihrer eigenen Blase leben und im eigenen Forscherdunstkreis in verschachtelten Sätzen ihre Erkenntnisse formulieren. Warum haben Sie sich entschieden, in die Breite zu gehen? Populärwissenschaft muss doch zwangsläufig die Dinge verkürzt erklären…

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Ich hatte als Chemikerin unter anderem an Drug-Delivery-Systemen gearbeitet, die aktuell bei den Impfstoffen eine besondere Relevanz haben. Man kann beispielsweise mRNA nicht alleine spritzen, es braucht eine Art Transporthülle - und genau an solchen Transportsysteme habe ich geforscht. Doch was bringt diese Arbeit im Labor, wenn Menschen die Impfung ablehnen, weil sie fürchten, mRNA könnte ihr Erbgut verändern? Die beste Technologie bringt nichts, wenn sie nicht angenommen wird. Wissenschaftskommunikation kann, etwa während einer Pandemie, im Zweifel über Leben oder Tod entscheiden. Muss man Dinge verkürzen? Klar, wir können nicht alle Fachexperten werden. Aber zwischen studierter Fachexpertise und der aktuellen, kaum vorhandenen wissenschaftlichen Allgemeinbildung in der Bevölkerung ist doch noch viel Luft. Wir brauchen ein viel solideres Grundverständnis über wissenschaftliche Zusammenhänge, und da machen Wissenschaftsjournalisten und Wissenschaftskommunikatoren sehr wichtige Arbeit.

Ist die Wissenschaft auch selbst schuld, dass sie ihre Funktionsweisen stellenweise wenig nachvollzogen werden? Gibt es den Elfenbeinturm samt Bewohnern doch noch zu häufig? Was könnte mehr Verständnis für und mehr Vertrauen in die Wissenschaft bewirken?

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Ja, gute Wissenschaftskommunikation ist oft Einstellungssache. Es existiert hier und da immer noch eine gewisse Arroganz à la "Meine Arbeit ist so komplex, die kann das gemeine Volk ja gar nie verstehen". Doch da ändert sich viel. Mein Eindruck ist, dass die heutigen Nachwuchswissenschaftler meist auch dafür kämpfen, dass Wissenschaft aus dem Elfenbeinturm raus kommt. Vertrauen in die Wissenschaft kann man nur durch Aufklärung schaffen, und wir brauchen einfach viel mehr Aufklärung an allen wissenschaftlichen Fronten.

Sie haben kürzlich in einer Talkshow dafür geworben, dass es flächendeckend in der Gesellschaft mehr Grundwissen in Naturwissenschaften braucht – beispielsweise für exponentielles Wachstum. Wo genau liegt das Problem?

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Ja, das frage ich mich auch. Ich verstehe nicht ganz, wieso man sich mit Geschichte, Politik, Kunst und Literatur auskennen sollte, um als "intellektuell" durchzugehen, aber nicht wissen braucht, was der Unterschied zwischen einer Säure und einer Base ist oder eben was eine Exponentialfunktion ausmacht. Wir haben ein klares Defizit in naturwissenschaftlicher Allgemeinbildung. Und in einer Pandemie oder bei anderen gesellschaftlich relevanten Wissenschaftsthemen - Klimakrise, Gentechnik, Künstliche Intelligenz - rächt sich das. Denn man kann natürlich nur vernünftige Entscheidungen treffen, wenn man die Basics versteht.

Zur Person

„Physikalische Hydrogele auf Polyurethan-Basis“: So war die Doktorarbeit überschrieben, die die heute 33-jährige Mai Thi Nguyen-Kim vor vier Jahren an der Uni Potsdam eingereicht hat. Doch sie entschied sich gegen eine Karriere an der Hochschule und setzte ganz auf ihre Medienkanäle: Seit 2015 erklärt sie auf verschiedenen Youtube-Kanälen – darunter ihr eigenes Format „maiLab“ – Komplexes unterhaltsam und verständlich. Seit vier Jahren moderiert sie im TV im Wechsel mit Ralph Caspers „Quarks“. Ihr Buch „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“ (Droemer, 20 Euro) rangiert seit zehn Wochen in den Top Ten der Spiegel-Bestseller-Liste. Im vergangenen Jahr wurde sie Mutter einer Tochter.

Warum sind Sie eigentlich nicht Lehrerin geworden?

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Hm, ist das auch ein Kompliment? Ich habe jedenfalls einen riesigen Respekt vor Lehrerinnen und Lehrern. Ich finde den Vergleich zwischen Schulbildung und Informationsmedien schwierig, das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Es ist außerdem etwas ganz anderes, sich vor eine Kamera zu stellen und gesellschaftliche relevante Themen zu erklären, die sich Menschen freiwillig anschauen - oder tagtäglich vor eine Schulklasse, die da sitzen muss. Will sagen, ich wäre nicht automatisch eine gute Lehrerin. Aber natürlich macht es mir viel Spaß, Dinge zu erklären und ich freue mich über jeden Aha!-Moment, den ich bei jemand anderem auslösen kann.

Stattdessen sind sie wahrscheinlich die aktuell erfolgreichste Influencerin. Welchen Influencer beeinflussen Sie? Wem folgen Sie aus Überzeugung, Sympathie oder Neugier in den sozialen Netzwerken?

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Ja, wahrscheinlich bin ich so etwas wie eine Science-Influencerin. Eine Scienflucerin sozusagen. Aber ich will natürlich eher aufklären als beeinflussen. Ich selbst folge sehr unterschiedlichen spannenden Menschen, da ich sehr breit interessiert bin, von Carolin Kebekus über Nura bis Louisa Dellert.

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